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Stadtspital Waid

Spitzenmedizin für betagte Unfallverletzte

27. Juni 2018 von

Alterstraumatologie ist Teamarbeit: Geriater Dr. Sacha Beck (2.v.l.) und Unfallchirurg Dr. Michael Dietrich zusammen mit Physiotherapeutin Rahel Arnold und Pflegefachfrau Sanja Moravac am Bett von Patientin Lisette Miéville.
Foto: Andrea Gir

Alterstraumatologie ist Teamarbeit: Geriater Dr. Sacha Beck (2.v.l.) und Unfallchirurg Dr. Michael Dietrich zusammen mit Physiotherapeutin Rahel Arnold und Pflegefachfrau Sanja Moravac am Bett von Patientin Lisette Miéville.

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Online seit
27. Juni 2018

Printausgabe vom
28. Juni 2018
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Im Zentrum für Gerontotraumatologie des Stadtspitals Waid erhalten alte Menschen mit Unfallverletzungen eine optimal auf sie zugeschnittene Behandlung. Fachärztinnen und -ärzte für Geriatrie und Traumatologie und viele weitere Berufsgruppen arbeiten dabei eng zusammen.

Eigentlich wollte ihr der Chauffeur nur beim Einsteigen helfen. Unglücklicherweise geriet die 82-jährige Lisette Miéville dabei so aus dem Gleichgewicht, dass sie seitwärts aus dem Bus stürzte. Das Resultat: Handgelenk- und Schlüsselbeinbruch und als Schlimmstes eine hochkomplizierte Unterschenkelfraktur. Damit musste sie sofort ins Spital.
Das Stadtspital Waid besitzt mit seinem Zentrum für Gerontotraumatologie viel Erfahrung in der Behandlung von betagten Menschen mit Unfallverletzungen. Ein Bruch im hohen Alter bedeutet keine Lappalie. Anders als bei jungen Menschen ist bei älteren jederzeit mit Komplikationen zu rechnen. Dabei sind weniger die verletzten Stellen selbst das Problem. «Was uns zu schaffen macht», so Geriater Dr. Sacha Beck, «sind vielmehr die medizinisch-internistischen Begleiterkrankungen und die eingeschränkten körperlichen Reserven, die für ältere Menschen typisch sind.»

Komplikationsgefahr

Ein Sturz passiert oft als Folge eines anderen Gesundheitsproblems: Mangel- oder Unterernährung, Erschöpfung, zu wenig Muskelmasse – alles Faktoren, die auch die Heilung erschweren und Komplikationen begünstigen. So kommt es dann zu Lungen- oder Blasenentzündungen, bedrohlichen Verwirrtheitszuständen – sogenannten Deliren – oder plötzlichen Blutverlusten, etwa durch eine Magenblutung vor lauter Stress wegen des Unfalls und Spitalaufenthalts. Im Zentrum für Gerontotraumatologie sind alle Mitarbeitenden geschult, solche Probleme frühzeitig zu erkennen oder sogar von vornherein zu verhindern. «Die spezialisierte Alterstraumatologie führt bei betagten Unfallpatientinnen und -patienten erwiesenermassen zu besseren medizinischen Ergebnissen bei Spitalaustritt als eine Behandlung auf nicht spezialisierten Abteilungen», hält Sacha Beck fest. Auch ein halbes Jahr später geht es den alterstraumatologisch versorgten Menschen im Schnitt besser, wie Studien belegen. Und das ist viel Wert in diesem fragilen Alter, wo manchmal ein einziger Spitalaufenthalt über das weitere selbständige Leben zu Hause entscheidet.
Auch Lisette Miéville sollte eigentlich möglichst schnell wieder aufstehen, um ihre Muskelkraft zu erhalten. Doch sie liegt im Bett und muss warten, weil ihr Bein noch zu geschwollen ist für die definitive Operation. Selbst danach wird Bewegung schwierig sein. Ein derart kompliziert gebrochenes Bein darf normalerweise zwei bis drei Monate nicht voll belastet werden. Und auf Stöcke wird sich die Patientin mit ihrem gebrochenen Handgelenk und Schlüsselbein kaum stützen können. «In diesem Fall überlegen wir uns, ob wir doch so operieren können, dass sie sofort wieder voll auf das Bein stehen kann», meint Dr. Michael Dietrich, Chefarzt Unfallchirurgie und zusammen mit Sacha Beck Co-Leiter des Zentrums für Gerontotraumatologie. «Bei alten Menschen», so Dietrich, «müssen wir oft den richtigen Kompromiss zu ihrem besten Nutzen suchen.»
Der 82-jährigen Patientin selber bereitet zunächst etwas ganz anderes Sorgen. Sie weiss ihren 91-jährigen Partner allein zu Hause, obwohl er ohne sie nicht mehr zurechtkommt. Nach den verzweifelten Schilderungen der Patientin nimmt der Spitalsozialdienst sofort mit einer Nachbarin Kontakt auf und organisiert die Spitex. Die Abteilungsärztin informiert den zuständigen Hausarzt und bespricht mit ihm, ob die Unterstützung zuhause für den Partner ausreicht. Auch diese praktische Hilfe gehört zum Alltag in der interdisziplinären Teamarbeit der Gerontotraumatologie. «Ich bin so erleichtert», sagt Lisette Miéville – und kann sich endlich um ihre eigene Gesundung kümmern.

Rundum erneuerte Station

Vor vier Monaten hat das Zentrum für Gerontotraumatologie im Stadtspital Waid neue Räume bezogen. Die Infrastruktur der erneuerten Station wurde auf die Bedürfnisse von älteren Unfallverletzten ausgerichtet, damit diese sich möglichst wohlfühlen. Allein schon das hilft mit, manche Komplikationen wie etwa ein Delir zu vermeiden. Daneben spielt auch das klare Behandlungskonzept der Pflege eine wichtige Rolle. Zum Beispiel achten die Pflegenden darauf, Risikofaktoren wie unangenehme Schläuche und Katheter schnellstmöglich zu entfernen.
Die Alterstraumatologie kommt ohne viele Apparate aus. Dennoch zögert Geriater Sacha Beck nicht, sie als Spitzenmedizin zu bezeichnen: «Medizin für hochbetagte Risikopatientinnen und -patienten braucht extrem viel Koordination und Kommunikation im Team und mit Betroffenen und ihren Angehörigen, eine gute Zusammenarbeit auf Augenhöhe, klare Abläufe und ausgereifte Behandlungskonzepte – alles Merkmale, die zur Spitzenmedizin gehören.»
Lisette Miéville wird etwa zwei Wochen im Spital bleiben müssen. Was danach kommt, ob eine Rehabilitation oder eine andere Übergangslösung für sie und ihren Partner: Auch darum werden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentrums für Gerontotraumatologie kümmern.

Katja Rauch

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