Stadtspital Zürich: «Bei uns gibt es keine falschen Notfälle»

Das Institut für Notfallmedizin des Stadtspitals Zürich behandelt jährlich rund 75'000 Patientinnen und Patienten an den Standorten Waid und Triemli. Der Chefarzt und Institutsleiter Dr. med. Ünal Can gibt Einblick in die Abläufe der Notfallmedizin.

Dr. med. Ünal Can, Chefarzt und Co-Leiter des Instituts für Notfallmedizin am Stadtspital Zürich. (Foto: dad)

Ein Schnitt in den Finger, plötzliches Fieber, Schmerzen in der Brust oder eine psychische Krise: Wann ist es richtig, den Notfall aufzusuchen? Für Dr. med. Ünal Can, Chefarzt und Co-Leiter des Instituts für Notfallmedizin am Stadtspital Zürich, ist die Antwort klar: «Es gibt bei uns nicht richtige und falsche Notfälle.»

Wer in eine Notfallstation des Stadtspitals Zürich kommt, wird ernst genommen. Nicht immer sei von aussen erkennbar, wie schwerwiegend ein Problem tatsächlich sei. «Ein kleiner Schnitt am Finger kann oberflächlich sein. Es kann aber auch sein, dass eine Sehne durchtrennt ist», sagt Can. Das müsse fachlich untersucht werden. Werde eine solche Verletzung übersehen, könne der Finger später nicht mehr richtig funktionieren.

Auch psychische Krisen gehören dazu. Man sehe einer Person nicht immer an, wie belastend oder bedrohlich ihre Situation sei. Deshalb sei es wichtig, Menschen nicht zuerst danach zu beurteilen, ob ihre Beschwerden auf den ersten Blick gravierend wirken.

Zwei Standorte

Das Institut für Notfallmedizin wurde 2019 im Stadtspital Zürich gegründet und wird von Ünal Can gemeinsam mit Dr. med. Patrick Sidler geleitet. Es umfasst die beiden Notfallstationen im Stadtspital Triemli und Waid sowie die beiden Notfallpraxen. Insgesamt werden jährlich rund 75’000 Notfälle behandelt. Damit gehört das Stadtspital Zürich zu den grössten Einrichtungen dieser Art im Kanton und schweizweit.

Die Notfallstation am Triemli ist etwa doppelt so gross wie jene am Waid. Die Notfallstationen kümmern sich um schwere Verletzungen und Krankheiten, in den Notfallpraxen werden leichter erkrankte und verletzte Menschen behandelt. Am Triemli stehen zudem weitere Fachdisziplinen zur Verfügung. Dort befinden sich auch der Kindernotfall sowie der Frauennotfall für Gynäkologie und Schwangere bis zur 12. Woche.

Am Waid spielt zusätzlich die Altersmedizin eine wichtige Rolle. Insbesondere ältere Menschen nach einem Unfall würden gezielt von Schutz & Rettung Zürich ins Waid gebracht. «Die Kollegen bei Schutz & Rettung machen eine tolle Arbeit», sagt Can.

Für viele Betroffene ist diese Zusammenarbeit unter einem Dach besonders wichtig: Mit zunehmendem Alter können Verletzungen oder akute Erkrankungen andere Folgen haben als bei jüngeren Menschen. Entscheidend sei jedoch an beiden Standorten die Zusammenarbeit über die Grenzen der einzelnen Kliniken und Institute hinweg.

Vom Eingang in die richtige Behandlung

Die Notfallmedizin stehe am Anfang einer Behandlungskette, sagt Can. Viele Menschen könnten nach Untersuchung und Erstversorgung wieder nach Hause. Andere benötigen aber weitere Abklärungen, einen operativen Eingriff, Physiotherapie oder Unterstützung durch den Sozialdienst. Nach Möglichkeit würden die Menschen innerhalb des Stadtspitals Zürich weiterbetreut. Oft sei die gesamte Dokumentation bereits vorhanden; das erleichtere die Abläufe. «Der Patient soll von Anfang bis zum Schluss umfassend behandelt werden.»

Wer als Walk-in-Patient selber in den Notfall kommt, wird zunächst durch eine Pflegefachperson erstbeurteilt. Diese sogenannte Triage entscheidet nach einem standardisierten Verfahren, wo die Patientin oder der Patient am besten behandelt werden kann: in der Notfallpraxis, wo leichtere Beschwerden behandelt werden, in der Notfallstation oder – bei besonders schweren Fällen – direkt im sogenannten Schockraum; einem speziell ausgestatteten Raum, in dem schwer verletzte oder lebensbedrohlich erkrankte Patienten sofort behandelt und stabilisiert werden.

Hinzu kommen direkte Zugänge zu Röntgen, Computertomografie, Ultraschall und Labor. So können viele Abklärungen ohne Zeitverlust erfolgen. «Die Triage sorgt dafür, dass die Menschen am richtigen Ort und mit den passenden Mitteln versorgt werden», erklärt Can.

Die Arbeit im Notfall sei geprägt von Unvorhersehbarkeit und Schichtbetrieb. Früh-, Mittel-, Spät- und Nachtdienste sorgen dafür, dass die Versorgung an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr gewährleistet ist.

Ünal Can erzählt: «Am Morgen ist der Notfall fast leer, am Abend ist er voll. Und am nächsten Morgen beginnt alles wieder von vorn.» Man müsse diese Dynamik mögen und aushalten können.

Neben medizinischem Wissen brauche es Ruhe, Entscheidungsfähigkeit und die Fähigkeit, immer wieder neue Situationen richtig einzuschätzen. Dafür braucht es spezialisierte Fachpersonen. Die Pflegefachpersonen verfügen nach ihrer Grundausbildung über eine zusätzliche, mindestens zweijährige Weiterbildung in der Notfallpflege. «Sie haben ein sehr grosses Fachwissen und Fähigkeiten, die wir in diesem Umfeld brauchen», sagt Can.

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