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Quartierleben

Tempo 30: Egoistisch sind immer die anderen

26. September 2018 von

Oskar Herber ist an der Breitensteinstrasse aufgewachsen und betreibt dort auch sein Geschäft. Seine Familie lebt seit 1860 an diesem Ort. Er stört sich daran, dass die Tempo-30-Befürworter immer nur fordern, selber aber keine Eingeständnisse machen wollen.
Foto: zvg

Oskar Herber ist an der Breitensteinstrasse aufgewachsen und betreibt dort auch sein Geschäft. Seine Familie lebt seit 1860 an diesem Ort. Er stört sich daran, dass die Tempo-30-Befürworter immer nur fordern, selber aber keine Eingeständnisse machen wollen.

Foto: Aline Gerber

Martin Zahnd lebt seit 30 Jahren an der Strasse Am Wasser und ist überzeugter Kämpfer gegen den vom Verkehr verursachten Lärm und für Tempo 30. Auch ihn stört die eigennützige Haltung, allerdings die der Autofahrer.

Von

Online seit
26. September 2018

Printausgabe vom
27. September 2018
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Während dreier Monate testet die Stadt Zürich auf vier unterschiedlichen Strassenabschnitten Tempo 30 bei Nacht, darunter die Strecke Europabrücke-Wipkingerplatz. Ein Befürworter und ein Gegner äussern sich.

Der Wipkinger führte Interviews mit zwei Anwohnern der Breitensteinstrasse und der Strasse Am Wasser. Daraus entstand ein fiktives Gespräch über Pro und Kontra Tempo 30.

Oskar Herber: Als die IG Am Wasser | Breitenstein gegründet wurde, wurde auch ich Mitglied. Wir setzten uns damals dafür ein, dass die Strasse nicht zu einer Autobahn verkam. Das fand ich vernünftig. Als sich die Diskussion aber nur noch um den Lärm zu drehen begann, verstand ich sie nicht mehr. Ich bin hier aufgewachsen – der Lärm war nie ein Problem für mich.

Martin Zahnd: Es gibt aber Menschen, die auch an dieser Strecke aufgewachsen sind und jetzt im Alter wegen des Lärms weggezogen sind. Es geht auch nicht nur um den Lärm: Das Leben an der Strasse ist hektisch und unsicher. Wenn die Autos langsamer fahren würden, würde sich auch das Wohlbefinden der Anwohner*innen verändern. Der Vorteil für die Autofahrer*innen wäre ausserdem, dass es weniger Stau gäbe.

Oskar Herber: Der Stau an der Breitensteinstrasse entsteht aber nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern weil die Autobahn mit vier Lichtsignalen so unattraktiv ist, dass viele lieber via Europabrücke zu uns und auf die Westtangente oder in den Milchbucktunnel fahren. Ausserdem ist es keine Quartierstrasse, sondern eine Zufahrtsstrasse in die Stadt. Man kann doch von den Leuten nicht verlangen, dass sie nicht in die Stadt kommen. Und für Gewerbler*innen ist das eine Zumutung.

Martin Zahnd: Was Sie sagen, stimmt: Der meiste Verkehr kommt von der Europabrücke her. Im Richtplan ist die Strecke aber als Einfallsstrasse von Oberengstringen her geplant, und nicht von der Europabrücke, Altstetten oder der Autobahn her. Apropos keine Quartierstrasse: Über 90 Prozent der Liegenschaften an der AWB sind Wohnhäuser, entsprechend müsste sie eigentlich eine Wohnstrasse sein. Früher lebten im Quartier vor allem Arbeiter und Migranten, die sich nicht wehren konnten. Inzwischen hat sich die Bevölkerung aber verändert und die Zahl der Anwohner*innen ist gestiegen. Über 2000 Menschen sind heute direkt davon betroffen, dass es lärmig ist und stinkt.

Oskar Herber: Wer an diese Strasse zieht, weiss, dass es hier viel Verkehr gibt. Für mich sind das dieselben Menschen, die in der Abflugschneise ein Haus bauen und dann verlangen, dass die Flugzeuge eine andere Route fliegen. Ich finde es frech, dass man von den Autofahrer*innen fordert, sich so anzupassen, ohne dass man selber etwas beisteuert. Ich persönlich fahre nicht oft Auto, aber wenn die Strasse leer ist, nervt es mich unglaublich, wenn ich mit 30 statt 50 zur Europabrücke fahren muss.

Martin Zahnd: Sie verlangen also mehr Toleranz für die Autofahrer*innen und dass sich für die Anwohner*innen nichts ändern soll. Wenn wir auf derselben Ebene argumentieren würden, würden wir ein vollkommenes Fahrverbot fordern – was wir aber nicht tun. Wir sind nicht gegen Autofahrer – ich muss ja selber geschäftlich und privat manchmal das Auto nehmen – sondern für den Schutz der Bevölkerung. Einfach überall durchfahren zu wollen, möglichst mit Tempo 50, Lärm und andere Emissionen dabei zu verursachen, die anderen schaden, und dabei keine Eingeständnisse machen zu wollen: Das finde ich egoistisch.

Oskar Herber: Die Stadt bietet ja jetzt Subventionszahlungen für den Einbau von Schallschutzfenstern. Das ist meiner Meinung nach die einzig sinnvolle Lösung. Ein Problem, das aber auch ich sehe, sind die Lastwagen und die Flixbusse. Diese verursachen Lärm auf einer tieferen Frequenz, da lässt sich weniger dagegen unternehmen. Diese Fahrzeuge sollten, gemeinsam mit den Motorfahrrädern, unbedingt auf die Autobahn geleitet werden. Und nachts sollte man die Hardturmstrasse offenlassen – bis auf das vorderste Haus der Bernoullihäuser gibt es dort keine Wohnungen direkt an der Strasse, es ergibt keinen Sinn, dass diese gesperrt wird.

Martin Zahnd: Meiner Meinung nach müsste die Pfingstweidstrasse weiterhin mit 50 km/h befahren werden können, da dort so gut wie niemand wohnt. Das würde die AWB für die Leute, die in die Stadt wollen, unattraktiver machen. Was die Schallschutzfenster betrifft: Das mag vielleicht in modernen Häusern funktionieren. In den alten, und davon gibt es doch noch einige, die einen Rollladenkasten haben, sucht sich der Lärm den Weg durch die Ritzen, da nützen auch schalldichte Fenster wenig. Ausserdem ändert sich nichts daran, dass man nicht mit offenem Fenster schlafen kann.

Oskar Herber: Über Fenster müssen Sie mir nichts erzählen – ich baue seit 50 Jahren Fenster und berate Fensterfabriken. Aber Sie haben recht, bei manchen alten Häusern besteht die Gefahr des sogenannten Schlüssellocheffekts: Der Lärm findet den Weg durch die kleinste Ritze. Man kann diese Häuser nicht abreissen, aber es gibt andere Lösungen, sodass man gut und gemütlich leben kann. Und ja, es bedeutet eben, dass man die Fenster schliessen muss, wenn es zu laut wird. In der kalten Jahreszeit ist es ohnehin ökologischer Unsinn, die Fenster offen zu lassen. Ich bleibe dabei: Die Am Wasser / Breitensteinstrasse ist eine Zufahrtsstrasse in die Stadt. Für mich ist es wesentlich, dass heutige Probleme technisch gelöst werden, wenn dies möglich ist, und nicht, indem man versucht alle Leute umzuerziehen oder ihnen verbietet, in die Stadt zu fahren.

Martin Zahnd: Und genau das tun wir auch nicht. Wir wollen nur, dass sie es langsamer tun mit Rücksicht auf die Anwohner*innen. Auch die Ackersteinstrasse war einmal eine Zufahrtsstrasse. Da hat man es geschafft, diese zu beruhigen. Nur die Wohnstrassen Am Wasser und Breitensteinstrasse sollen immer mehr Verkehr schlucken? Das kann es nun wirklich nicht sein.

Tempo 30 nachts

Seit dem 8. Juli testet die Stadt Zürich auf vier Strassen zwischen 22 und 6 Uhr, ob mit Tempo 30 der Verkehrslärm reduziert werden kann. Davon betroffen sind Abschnitte der Albisstrasse, der Hardstrasse, der Dübendorf-/Winterthurerstrasse und der Breitensteinstrasse. Der Versuch dauert drei Monate. «Mit dem Versuch <Tempo 30 nachts> soll die Wirksamkeit und Machbarkeit unter den gegebenen Zürcher Verhältnissen geprüft werden», meint Heiko Ciceri, Kommunikationsverantwortlicher der Dienstabteilung Verkehr, auf Anfrage. Unter anderem solle geprüft werden, ob die erwünschte Lärmreduktion unter realen Bedingungen erreicht werden kann. Nach dem die unklare Beschilderung an den Strassen Am Wasser / Breitensteinstrasse für einige Aufregung sorgte, wurden die Schilder ausgewechselt. Auch dies eine Lehre für eine mögliche zukünftige Umsetzung.

Ein Drittel der Bevölkerung betroffen

Heute verursacht der Verkehr auf 230 Kilometer Strassen auf dem Gebiet der Stadt Zürich Lärm, der über dem Immissionsgrenzwert liegt. Betroffen ist mehr als ein Drittel der Wohnbevölkerung. Tempo 30 ist eine der effektivsten und kostengünstigsten Lärmschutzmassnahmen: Wird die Fahrgeschwindigkeit von 50 auf 30 Stundenkilometer gesenkt, nimmt laut Angaben der Stadt der Verkehrslärm um rund drei Dezibel ab. Dies entspricht in der Wahrnehmung einer Halbierung der Verkehrsmenge. Zudem profitieren alle Verkehrsteilnehmenden von mehr Sicherheit und die Aufenthaltsqualität nimmt zu.
Bereits 2014 wurde der Pilotversuch für «Tempo 30 nachts» angekündigt. Da aber Rechtsmittel dagegen ergriffen wurden, verzögerte sich die Umsetzung, bis dieses Jahr das Bundesgericht die Beschwerden abwies. «Bevor nun über eine allfällige Einführung von Tempo 30 nachts diskutiert werden kann, muss erst der Versuch abgeschlossen sein und die daraus gewonnenen Erkenntnisse vorliegen», so Ciceri.

Mehr Informationen zur Vorgeschichte Am Wasser – Breitensteinstrasse sind unter http://hoengger.ch/dossiers im Dossier mit entsprechendem Titel zu finden.

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