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«The next number is about – MAGIC»

25. September 2019 von

Die Show beginnt – mit Madame Jocaste im Guckloch.
Foto: zvg

Die Show beginnt – mit Madame Jocaste im Guckloch.

Foto: zvg

Gefährliches Messerwerfen mit dem mutigen Elephant, live vertont.

Foto: zvg

Den zauberhaften Abend ausklingen lassen mit «Los Boozan Dukes».

Von

Online seit
25. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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Schaubuden Carnival 2019 – ein poetischer Ausflug ins Groteske.

«Wir wollen das Theater raus aus den Institutionen unter die Menschen bringen», verkündeten die Darsteller*innen des Schaubuden Carnivals am Ende ihres Stücks, welches Mitte September für einige Tage auf dem Park Platz am Letten gastierte. Diesem Anspruch wurden sie gerecht. In Anlehnung an die Schaubuden, in welchen die Menschen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts mit Theater, Zirkus, Puppenspielen und der Zurschaustellung exotischer Geschöpfe unterhalten wurden, bot die «Compagnie Buffpapier» seinem Publikum eine modernisierte Version des Volkstheaters.
So ist nicht nur eine der Figuren des liebenswerten Trios in ihrer Aufmachung mittelalterlich angehaucht, sondern auch die Bühne mit dem kleinen Guckloch erinnerte eher an einen Marktplatz als an den Pfauen. Die Schaukastenbühne stand nicht alleine. Zusammen mit der Chocherey und dem Café Roulotte bildete sie, überdacht von einem Zelt, einen intimen Raum für das Publikum. Die farbigen Wagen aus Holz komplettierten das Bild und trugen erheblich zum Charme dieses einzigartigen Theaters bei.

Die Schönheit des Lebens feiern

Die drei schrulligen Bühnen-Charakteren – Isabelle la Belle, Madame Jocaste und der Elephant – lieferten eine fantastische Show. Die überzeichneten Figuren sind als Antwort auf das moderne Showbiz mit seiner Rastlosigkeit und seiner Schnelllebigkeit zu verstehen. In «The New Show» fand sich für alle etwas. Es war eine Einladung, in die skurrile Welt des Schaubuden Carnivals einzutauchen. Madame Jocaste forderte das Publikum auf, sich während ihrer musikalischen Darbietung über die Schönheit des Lebens zusammenzureissen und löste damit herzhafte Lacher aus. Es fühlte sich an wie früher im Schulzimmer – immer wieder prustete jemand darauf los und steckte den Rest des Publikums an. Dieses gemeinsame Lachen zog sich durch die ganze Show und wurde immer wieder aufs Neue auf die Spitze getrieben. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wäre die eine oder der andere Zuschauer*in vom Stuhl geflogen.
Von Musik und Tanz über gefährliche Nummern, wie das Messerwerfen oder den Raketenflug in den Himmel, bis zur abschliessenden Parodie auf das Leben eines DJs, bot ein Abend im Schaubuden Carnival beste Unterhaltung.
Doch nach der Show war die Unterhaltung keineswegs vorbei: Denn dann spielte die Band «Los Boozan Dukes». Sie versteht es, mit ihren energiegeladenen Auftritten und ihrer Musik aus traditionellem French-Creole-Lindy-Hop-Swing und Voodoo Blues, das Publikum mitzureissen. Getroffen haben sich die «Compagnie Buffpapier» und «Los Boozan Dukes» vor vier Jahren im Baskenland. Dort entstand ihre Zusammenarbeit.
Dieses Mal haben die Musiker nicht nur vor und nach der Aufführung für Unterhaltung gesorgt, sondern das ganze Theater gekonnt live begleitet. Die Live-Musik zum Stück war aber alles andere als geplant. Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft und ein anschliessender Polizeibesuch am nächsten Tag waren dafür verantwortlich. Auslöser dafür war die fehlende Bewilligung für verstärkte Musik im Freien. Das ist natürlich ärgerlich und für unangekündigte, zusätzliche Lärmbelastungen entschuldigen wir uns bei den Betroffenen. Weil die Stadt ihre Bewilligungspraxis entgegen früherer Versprechungen auf vier Anlässe im Jahr beschränkt, ist es absolut aussichtslos, für eine Veranstaltung wie den Schaubuden Carnival eine Bewilligung zu erhalten. Eine knapp einstündige Theateraufführung mit teilweise verstärkter Musik muss dieselben Auflagen erfüllen wie ein achtstündiger Mega-Rave. Wir laden hiermit erneut alle Beteiligten – ob Nachbar*innen oder Behörden – dazu ein, gemeinsam nach einer Lösung für diese unbefriedigende Situation zu suchen.

Applaus mit politischer Dimension

Angesichts der drohenden Konsequenzen galt es, eine Alternative zu finden. Sämtliche Musiker haben also den ganzen Nachmittag unermüdlich geübt, um die Aufführung am selben Abend zu ermöglichen. Sie liessen sich nicht einmal davon beirren, dass sie nach einem weiteren Anruf aus der Nachbarschaft, welcher sich über die Akustik der Probe beklagt hat, vom Platz in die Bar umziehen mussten. Auf die Situation reagierten die Schauspieler*innen auf ihre ganz eigene Art und Weise und forderten das Publikum in der Folge dazu auf, nur mit zwei Fingern zu klatschen. Sie haben das nachbarschaftliche Lärmempfinden und die Vorgaben der Behörden kurzerhand ins Programm miteingebunden. Diese Art von Applaus bekamen Schauspieler*innen in der Tschechoslowakei zur Zeit des kommunistischen Regimes bei subversiven Aufführungen in versteckten Theater-Kellern. Damit verweist die «Compagnie Buffpapier» auf die politische Dimension von Kunst – in diesem Fall zeigt sich exemplarisch die Diskrepanz zwischen dem vermeintlich hohen Stellenwert von derartigen Projekten in der Stadt Zürich und der eigentlichen Handhabung durch ihre Behörden.

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