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Quartierleben

Und wieder der Mehrzweckstreifen

16. Dezember 2021 von

Die weissen Streifen helfen bei der Orientierung, doch sicher fühlt sich J.S. auf dem Mehrzweckstreifen nicht.
Foto: Dagmar Schräder

Die weissen Streifen helfen bei der Orientierung, doch sicher fühlt sich J.S. auf dem Mehrzweckstreifen nicht.

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16. Dezember 2021

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16. Dezember 2021
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Das Pilotprojekt «Mehrzweckstreifen» am Bahnhof Wipkingen gibt viel zu reden und bietet Anlass zur Kritik. Viele Anwohner*innen sind verunsichert. Der «Wipkinger» hat eine von ihnen getroffen.

Seit Mitte Juli schmücken auf einer Länge von über 100 Metern dicke, orangefarbene, gestrichelte Linien die Nordstrasse beim Bahnhof Wipkingen. Zebrastreifen wurden ersetzt durch «Mehrzweckstreifen» – dem Verkehrsfluss und der Sicherheit zuliebe (der «Wipkinger» berichtete im Juni und September). Ein Pilotprojekt der Stadt, mittels dessen bis zum Winter 2022/23 getestet werden soll, wie der Strassenraum an dieser Stelle gestaltet werden könnte – vor allem in Zusammenhang mit der geplanten Verbreiterung der Nordbrücke ab 2025.

Fehlender Vortritt führt zu Unsicherheit

Von den Quartierbewohner*innen Wipkingens, die regelmässig an dieser Stelle die Strasse überqueren müssen, können nicht alle den Zusatznutzen erkennen, den ihnen der Streifen im Vergleich zu den Zebrastreifen bieten soll – im Gegenteil. Manche*r ist verunsichert – so wie J. S. (Name der Redaktion bekannt). J. S. wohnt in Wipkingen in unmittelbarer Umgebung des Bahnhofs. Mehrmals täglich führt sie ihr Weg hier über die Strasse. Doch seit die Zebrastreifen durch den Mehrzweckstreifen ersetzt wurden, fühlt sie sich beim Überqueren nicht mehr sicher. Ihre Sehfähigkeit ist nach einer beidseitigen Netzhautablösung stark eingeschränkt. «Mir nimmt dieser Mehrzweckstreifen die Sicherheit», sagt sie. «Mit meiner Beeinträchtigung bin ich darauf angewiesen zu wissen, dass die Autos auch tatsächlich anhalten, wenn ich die Strasse überquere», ergänzt sie. Davon könne sie bei einem Zebrastreifen ausgehen. Doch nun stünden die motorisierten Teilnehmer*innen wieder an erster Stelle – auch wenn von gegenseitiger Rücksichtnahme die Rede sei. «Als Fussgänger*in ist man hier ganz klar benachteiligt.» Sie als Sehbeeinträchtige habe zwar theoretisch per Gesetz immer Vortritt vor dem Verkehr, doch: «Von aussen ist meine Beeinträchtigung nicht zu erkennen, wie sollen herannahende Verkehrsteilnehmer*innen wissen, dass sie auf mich besonders achten müssen?». Mit dem Respekt und der Rücksichtnahme sei es ohnehin nicht so weit her: «Ich habe den Eindruck, dass sich viele Autofahrer*innen nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 Stundenkilometern halten. Und die Fahrradfahrer*innen bewegen sich häufig auf dem Trottoir, anstatt auf der Strasse. Für mich ist es eine echte Herausforderung, mich hier im Strassenverkehr zu bewegen.»

Fehlende Sicht als Problem

An manchen Stellen sei für die Verkehrsteilnehmer*innen auf der Strasse zudem gar nicht so einfach zu erkennen, ob jemand die Strasse überqueren will. «Im Bereich der Baustelle etwa ist die Sicht sowohl für die Autofahrer*innen, als auch für die Fussgänger*innen stark eingeschränkt. Da sieht man gar nicht, ob der Weg frei ist», so J. S. Am anderen Ende des Mehrzweckstreifens, dort, wo sie jeweils die Strasse überquere, vor dem Optikergeschäft, versperre eine Telefonkabine die Sicht auf sich nähernde Fahrzeuge. Auch die weissen Markierungen, welche hier angebracht wurden, um Personen mit eingeschränkter Sehfähigkeit Orientierung bieten zu können, seien verwirrend, so J. S. weiter.Sie sei zwar sehr froh, dass diese mittlerweile aufgetragen worden seien, doch verliefen sie teilweise nicht gerade über die Strasse, so dass sie ihnen nicht wirklich folgen könne.

Viele Unsicherheiten und Unklarheiten

Ein weiterer Punkt, den J. S. bemängelt, ist, dass den Verkehrsteilnehmer*innen viele der neuen Regelungen nach wie vor unklar seien. «Viele der Vorbeifahrenden kennen das Konzept des Mehrzweckstreifens nicht, hier in Wipkingen herrscht schliesslich viel Durchgangsverkehr.» Doch selbst ihr als Anwohnerin sei vieles noch unklar, bemängelt sie. Eine der Fragen, die sich ihr stellt, ist etwa, ob Autos den Bus überholen dürfen, wenn er an der Haltestelle anhält. Eine Antwort darauf gibt Roger Muntwyler, Projektleiter Kommunikation, vom Tiefbauamt der Stadt Zürich: «Ja, Autofahrerinnen und Autofahrer dürfen, wenn es möglich ist, den Bus an der Haltestelle Bahnhof Wipkingen, Richtung Schaffhauserplatz, überholen. Seit der Einführung des Mehrzweckstreifens ist [jedoch] die Haltestelle Richtung Rosengartenstrasse nicht mehr überholbar. So konnten wir die Sicherheit für querende Fussgängerinnen und Fussgänger sowie Velofahrende beim Übergang Coop/Migros erhöhen. Vor der Einführung des Mehrzweckstreifens konnten die stehenden Busse noch in beide Richtungen überholt werden.» Fraglich ist nur, ob dies den Verkehrsteilnehmer*innen auch klar ist.

Im Winter wird es noch schlimmer

Die grössten Sorgen bereitet J. S. aber die Winterzeit. Denn es ist vor allem die Dunkelheit, die ihr Probleme bereitet: «Im Dunkeln fällt es mir sehr schwer, Distanzen abzuschätzen. Ausserdem sehe ich zum Beispiel Velofahrer, die kein Licht haben, überhaupt nicht mehr.» In dieser Jahreszeit spiele, so J. S., der Sicherheitsaspekt noch eine viel grössere Rolle als im Sommer und sie habe grosse Bedenken, dass ihr der Mehrzweckstreifen diese Sicherheit gewährleisten könne.

Wohin mit Kritik und Anmerkungen?

Die Stadt ihrerseits beurteilt den Start des Projekts, wie sie bereits im September auf Anfrage des «Wipkingers» kommunizierte, nach gewissen Anlaufschwierigkeiten positiv. So erklärt der Stadtrat in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage von Andreas Egli und Martina Zürcher, beide Gemeinderäte der FDP, zum Thema Sicherheit am Mehrzweckstreifen im November: «Nach einer Angewöhnungszeit hat sich das Prinzip des flächigen Querens nach Einschätzung der Dienstabteilung Verkehr unter den Verkehrsteilnehmenden besser eingespielt; es wird insgesamt mehr Rücksicht genommen und langsamer gefahren.» Und weiter: «In der geplanten Vorher-/Nachher-Erhebung wird auch das Querungsverhalten der Zufussgehenden analysiert. Bei Bedarf treffen die zuständigen Dienstabteilungen weitere Massnahmen.

Feedback an die Stadt
Für Anregungen und Kritik aus der Bevölkerung hat die Stadt ein eigenes Gefäss für den Mehrzweckstreifen eingerichtet: Rückmeldungen können auf www.stadt-zuerich.ch/nordbruecke oder direkt über die E-Mail-Adresse nordbruecke@zuerich.ch eingereicht werden.

 

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