Unter dem Landenbergpark

Das Zivilschutz-Museum liegt mitten in Wipkingen und bietet eine spannende, wenn auch beklemmende Zeitreise zurück in Kriegszeiten. Ein Besuch im Rundbunker unter der Erde.

Der Operationssaal im Bunker Landenberg. (Foto: dad)
Zwei Treppen führen direkt zur untersten Ebene. (Foto: dad)
Major Claudio Pupolin Erni «wacht» über das Museum, das mittels Führung zu besichtigen ist. (Foto: dad)
Der Bunker erfüllte glücklicherweise nie seine eigentliche Bestimmung. (Foto: dad)
Im zweiten Untergeschoss ist die Küche untergebracht. (Foto: dad)
Im dritten Untergeschoss befindet sich ein Kommandoposten. (Foto: dad)
Die Seife war damals für vieles zu gebrauchen. (Foto: dad)
Im Rundbunker in Wipkingen, elf Meter unter der Erde. (Foto: dad)
1/8

Die Landenberganlage ist eine beliebte städtische Begegnungszone. Was viele nicht wissen: Unter der Idylle befindet sich ein Rundbunker, der 11 Meter unter die Erde reicht, der drei Etagen zählt und eine Fläche von 1500 Quadratmetern aufweist. Ein Bau, der heute als Zivilschutz-Museum der Stadt Zürich dient. Major Claudio Pupolin Erni «wacht» über das Museum, das mittels Führung zu besichtigen ist. Als Chef der Milizfeuerwehr sowie der Zivilschutzregion Zürich West und insbesondere des Kulturgüterschutzes kennt er den Wipkinger Bunker wie kein Zweiter.

Die Geschichte des Bunkers beginnt im Jahr 1934: Per Bundesbeschluss wird die Rechtsgrundlage für den Aufbau des Luftschutzes in der Schweiz geschaffen. In der Stadt Zürich werden verschiedene Bunker gebaut, auch die «Sanitätshilfe Landenberg» – der hiesige Rundbunker. «Dieser Ort wurde damals strategisch gewählt», erklärt Pupolin Erni. So war die nahe Escher Wyss AG eine Waffenfabrikantin, ebenso die Oerlikon-Bührle im Norden. Im Jahr 1939 brach schliesslich der Zweite Weltkrieg aus, zwei Jahre später wurde der Bunker, angelegt für rund 100 Personen, fertiggestellt.

Als geschützte Sanitätshilfestelle bot der Bunker auf drei Geschossen Behandlungs-, Pflege- und Mannschaftsräume. Der Durchmesser beläuft sich auf rund 25 Meter. Der Bunker erfüllte glücklicherweise nie seine eigentliche Bestimmung, obwohl auch über Zürich Bomben abgeworfen wurden; irrtümlicherweise von den Alliierten. Für Übungszwecke wurde er aber oft genutzt, zuletzt in den 1970er-Jahren.

Im Bunker

Der Eingang, noch immer mit blauem Licht für die Verdunkelung ausgestattet, liegt an der Habsburgerstrasse; eine schmale Panzertüre führt in den Eingangsbereich, der bereits einen Meter unter der Erde liegt. «Heute könnte der Bunker nicht mehr für seinen ursprünglichen Zweck verwendet werden», sagt Pupolin Erni. Anders als etwa das Parkhaus Urania, das noch immer ein öffentlicher Schutzbunker ist. Der Wipkinger Bunker bleibt aber ein Zeitzeuge: Hier beginnt eine Reise zurück in die Kriegszeiten.

Zwei Treppen führen direkt zur untersten Ebene. Wäre ein Ernstfall eingetreten, hätte zuerst ein Korridor mit Duschen und Garderoben, getrennt nach Geschlecht, passiert werden müssen – ein Schutz vor den Auswirkungen möglicher Chemiewaffen. Bereits hier informieren heute Tafeln über den Zivilschutz und den Krieg. Das ist spannend, wirkt aber bisweilen auch beklemmend. Nicht für Pupolin Erni: «Als ich im Jahr 2018 diese Stelle antrat, entwickelte ich nach und nach Enthusiasmus für das Museum.» Er trägt viel Material zusammen, ordnet es ein und stellt es aus. Besuchende erhalten so Zugang zu einer grossen Menge an Informationen.

Diese Fülle wird beispielsweise im grossen Operationsaal klar, der im ersten Geschoss untergebracht ist, mit Bettenlift in die unteren zwei Stöcke, versteht sich. Das OP-Material stammt aus den 1940er-Jahren: Alte Flawa-Verbände, ein Narkosegerät, das mit Äther funktionierte, grosse Mehrwegspritzen aus Glas und Chromstahl, weil diese steril gehalten werden konnten, oder Nadeln, die wie Fischerutensilien anmuten. Kurzum: Man wähnt sich mitten im damaligen Geschehen. Stolz erwähnt Pupolin Erni, dass einige der Gegenstände in der SRF-Serie «Frieden» (2020) zum Einsatz kamen.

Lebensmittel und Wählscheiben

Hinab geht es zum zweiten Untergeschoss, dort ist die eine Küche untergebracht. «Sie musste zweckmässig sein, auch die Auswahl der Lebensmittel war damals bescheiden.» Ein grosses Plakat mit dem Spruch «Kluger Rat – Notvorrat» macht die einstige Devise klar. Alte Lebensmittelmarken liegen in Vitrinen, auch viele Dosen. Im dritten Untergeschoss kann schliesslich dem Zweiten Weltkrieg entflohen werden. Doch es folgte bekanntlich der Kalte Krieg: 1964 wurde das Geschoss zu einem Kommandoposten umgebaut. Alte Telefonanlagen, Faxgeräte und der Telex zeugen davon, ebenso Leitungen und Kupferdrähte, die mit Baumwolle isoliert sind.

Und da sind die Telefone, manche mit Sprechmuscheln und Kopfhörer, andere mit einer Wählscheibe: «Wenn ich eine Schulklasse herumführe und die Kinder die Scheiben erblicken, drücken sie zuerst auf die Zahlen, weil sie die Drehfunktion nicht verstehen», erzählt der Museumsleiter amüsiert. So tief unten finden sich auch weitere Gegenstände, alte Sirenen etwa oder das Modell eines abgebrannten Hauses für Übungszwecke. Vieles ist bei dieser Führung zu sehen und Pupolin Erni kennt jeden Winkel, er weiss über fast alle Exponate Bescheid.

Zurück an der Oberfläche wird klar, wie nah man einer Zeit war, die angesichts der Weltlage nicht mehr fremd scheint. Das Zivilschutz-Museum macht das seit dem Jahr 2005 deutlich, damals führte das Interesse dazu, ein Ausstellungskonzept zu erarbeiten. Schliesslich eröffnete das Museum anlässlich des Jubiläums «50 Jahre Zivilschutz Stadt Zürich». «Neben dem Betrieb bieten wir, wie andere Museen, auch Weiteres an», sagt Pupolin Erni. Als Mitglied im Verein Zürcher Museen (VZM) gehöre der Bunker fest zum jährlichen Programm bei der «Langen Nacht der Museen». Er stehe auf Anfrage auch für kulturelle Anlässe zur Verfügung.

Zivilschutz-Museum

Daten öffentliche Führungen: www.stadt-zuerich.ch

0 Kommentare


Themen entdecken