Kultur
«Viele Familien tragen Geschichten mit sich, über die nie gesprochen wird»
Die Wipkinger Autorin Regina Schlager hat mit «Stille Scham» ihren ersten Roman veröffentlicht. Im Gespräch erzählt sie, weshalb sie sich mit verdrängten Erinnerungen, Familiengeheimnissen und einem wenig bekannten Kapitel der NS-Zeit auseinandersetzt.
24. Juni 2026 — Daniel Diriwaechter
Regina Schlager ist in Wipkingen als Coachin und als Schreibpädagogin für kreatives Schreiben tätig. Nun hat sie mit «Stille Scham» ihren ersten Roman veröffentlicht. Das Buch verbindet historische Ereignisse mit aktuellen Fragen nach Erinnerung, Familiengeheimnissen und den Folgen von Gewalt.
Im Gespräch berichtet die gebürtige Wienerin, wie aus einer spontanen Idee ein mehrjähriges Schreibprojekt wurde und weshalb die Geschichte trotz ihres historischen Hintergrunds vor allem von der Gegenwart erzählt.
Regina Schlager, wie fühlt es sich an, das fertige Buch in den Händen zu halten?
Regina Schlager: Es ist vor allem eine Erleichterung und eine grosse Freude. Die Idee entstand bereits Anfang 2022. Bis aus dieser ersten Idee ein fertiges Buch wurde, war es ein langer Weg. Besonders freut mich, dass das Buch inzwischen Leserinnen und Leser erreicht hat und ich bereits Rückmeldungen erhalte. Viele berichten, dass sie die Geschichte tief berührt hat. Das war mein Wunsch: Dass die Geschichte Menschen erreicht und etwas in ihnen auslöst.
War Ihnen von Anfang an klar, dass aus der Idee ein Roman werden würde?
Überraschenderweise ja. Die Idee war sofort mit der Vorstellung verbunden, einen Roman zu schreiben. Dabei hatte ich mir vorher gar nicht vorgenommen, ein solches Projekt zu beginnen. Schreiben begleitet mich zwar schon mein ganzes Leben – privat mit Tage- und Notizbuch, beruflich als Bloggerin und als Schreibpädagogin –, aber bislang habe ich vor allem Sachtexte und Kurzgeschichten geschrieben Die Geschichte wollte jedoch von Anfang an in einer längeren Form erzählt werden.
Worum geht es in «Stille Scham»?
Im Zentrum stehen zwei Frauen: die fast hundertjährige Luisa und ihre Enkelin Katrin. Luisa wird durch den Krieg in der Ukraine mit Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit während der NS-Zeit konfrontiert. Sie merkt, dass sie vor ihrem Tod noch über Dinge sprechen möchte, über die sie jahrzehntelang geschwiegen hat. Katrin spürt gleichzeitig, dass diese Familiengeschichte auch etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Gemeinsam versuchen die beiden herauszufinden, was damals geschehen ist und wie darüber gesprochen werden kann.
Basiert der Roman auf historischen Tatsachen?
Ja, der Ausgangspunkt waren Recherchen zu sogenannten KZ-Bordellen, einem wenig bekannten Kapitel der NS-Geschichte. Ich habe Fachliteratur gelesen und mit Historikern sowie Sozialwissenschaftlerinnen gesprochen. Die Figuren und die Handlung sind jedoch fiktional.
Weshalb haben Sie sich für die Gegenwart als Erzählebene entschieden?
Mich interessierte nicht nur, was damals passiert ist, sondern vor allem, wie solche Erfahrungen bis heute nachwirken. Deshalb erzählt der Roman nicht einfach historische Ereignisse nach. Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen der Grossmutter und der Enkelin. Es geht um Erinnerung, Schweigen und die Frage, wie traumatische Erfahrungen über Generationen weitergegeben werden.
Wie belastend war die Arbeit an diesen schwierigen Themen?
Natürlich war das teilweise schwierig. Ich habe gemerkt, dass ich auf mich achten muss. Gleichzeitig beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit Fragen rund um Gewalt und deren Folgen. Wichtig war mir, keine Gewaltdarstellungen auszuschlachten. Mich interessiert vielmehr, was solche Erfahrungen mit Menschen machen und weshalb viele Betroffene ihr Leben lang darüber schweigen.
Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?
Insgesamt etwas mehr als drei Jahre. Ursprünglich hatte ich einen viel ambitionierteren Zeitplan. Ich dachte, die erste Fassung wäre innerhalb eines Jahres fertig. Relativ schnell habe ich aber gemerkt, dass ich mir mehr Zeit geben muss. Nach der Rohfassung habe ich zudem mit einer Lektorin gearbeitet. Das war für mich sehr wertvoll, weil ich dadurch viel über das Schreiben und Überarbeiten gelernt habe.
Sie haben «Stille Scham» in Eigenregie veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Ich habe zunächst ein paar Literaturagenturen und später auch Verlage angefragt. Schliesslich habe ich mich jedoch bewusst für Self-Publishing entschieden, weil ich überzeugt war, dass dieses Buch erscheinen soll. Über «Books on Demand» kann es heute über den Buchhandel bestellt werden. Es besitzt eine reguläre ISBN und wird jeweils erst dann gedruckt, wenn eine Bestellung eingeht. Das finde ich auch aus ökologischer Sicht sinnvoll. Zudem ist es auch als Ebook erhältlich.
Und, wie Sie eingangs erwähnten, erhalten Sie positive Rückmeldungen.
Interessanterweise nicht nur wegen des historischen Hintergrunds, sondern weil sie sich in den familiären Themen wiederfinden. Das Buch baut zwar auf Ereignissen aus der NS-Zeit auf, aber es erzählt letztlich von etwas sehr Gegenwärtigem. Viele Familien tragen Geschichten mit sich, über die nie gesprochen wird. Oft spürt man, dass etwas da ist, aber niemand spricht es aus.
Stille Scham: Roman. Von Regina Schlager
BoD – Books on Demand
288 Seiten
ISBN: 978-3-69572-156-6
Erhältlich im Buchhandel, auch im Kapitel 10 in Höngg


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