Von heute ins Damals und zurück: das Interview

Wo jede Archivschachtel ein Abenteuer und jede Entdeckung ein Goldschatz ist: Seit fast zehn Jahren informieren Martin Bürlimann und Kurt Gammeter in der Rubrik «Damals» über die Geschichte von Wipkingen. Hier sprechen beide erstmals über ihre Motivation.

Sie schreiben die Rubrik «Damals» für diese Zeitung: der Autor und Fotograf Kurt Gammeter (links) und der Redaktor und Autor Martin Bürlimann. Im Hintergrund der Blick vom Dammsteg in die Wipkinger Lokalgeschichte: Seifensiederhaus, Lettenbadi, Trafo-Umformer, Hofmeistersche Seidendruckerei, Eisenbahnbrücke und Pumpwerk Letten. (Foto: dad)

Martin Bürlimann und Kurt Gammeter, welchen Bezug zu Wipkingen habt ihr beide?

Kurt Gammeter: In Wipkingen bin ich geboren, aufgewachsen, und ich lebe bis heute im Elternhaus. Mein Vater hatte hier einst eine Bäckerei, auch ich erlernte den Beruf. Später eröffneten wir die Goldstück Reinigung. Ich habe immer viel über das Quartier und seine Menschen mitbekommen, und so wuchs mein Interesse an Wipkingen stetig.

Martin Bürlimann: Ich kam als Student von Wettingen nach Zürich. Zu Zeiten der offenen Drogenszene am Letten zog ich nach Wipkingen, weil die Miete günstig war. Ich begann, mich im damaligen Gewerbeverein Wipkingen zu engagieren, lernte viele Menschen kennen und habe das Quartier intensiv erlebt. Wipkingen hat eine hochinteressante Geschichte.

Wie begann eure Zusammenarbeit?

Kurt Gammeter: Der Gewerbeverein gab damals die Broschüre «Euses Wipkingen» heraus – mit Reklame und Porträts, alles aus dem Quartier. Ein Wettbewerb mit einem alten Foto, dessen Standort man erraten musste, generierte viele Zuschriften. Das Interesse war so gross, dass wir beschlossen, die Wettbewerbsauflösung mit einem Anlass in Guthirt zu verbinden. Dabei stellten wir gemeinsam weitere Bilder vor – «Damals & heute». Das war der Startschuss.

Martin Bürlimann: Selbst ich konnte den eigenen Wettbewerb damals nicht lösen (lacht). Das hat mich zusätzlich angespornt, mehr über Wipkingen zu erfahren.

So entstand euer erstes Werk «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier».

Martin Bürlimann: Zunächst dachten wir an eine DVD, dann rückte aber ein Bildband in den Fokus. Da wir Zugang zu vielen Archiven hatten und uns immer wieder Material gebracht wurde, erarbeiteten wir das Buch mit Fotos sowie den entsprechenden Texten. Es erschien 2006. Bei der Arbeit gab es immer wieder Entdeckungen und Überraschungen. In der Recherche kamen Dinge zum Vorschein, die wahnsinnig spannend sind. Etwa die industrielle Entwicklung und der Erfolg Wipkingens.

Wie seid ihr vorgegangen?

Martin Bürlimann: Kurt machte die Bilder und lieferte Hintergrundinformationen, ich schrieb die Texte. Um das Buch zu veröffentlichen, gründeten wir den Wibichinga Verlag – und damit waren wir erfolgreich. «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier» interessiert bis heute viele Menschen, besonders Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger: Sie wollen wissen, wie das Quartier entstanden ist, wo seine Wurzeln liegen. Zudem: Archivarbeit kann ein Abenteuer sein. Weil wir mit der Zeit eine gewisse Bekanntheit erlangten, erhalten wir viel Material, bekommen Zugang zu Archiven und es werden uns Geschichten zugetragen.

War das Buch auch die Grundlage für eure Rubrik «Damals»?

Kurt Gammeter: Ja, in «Damals» konnten wir Themen vertiefen, die im Buch nur angerissen wurden. In den Artikeln konnten wir uns entfalten – und das bis heute. Unser erster Beitrag handelte vom Bau des neuen Schulhauses im Jahr 1824, das schlicht «Wipkingerschule» genannt wurde. Seit 2016 berichteten wir in dieser Zeitung über die Geschichte Wipkingens.

Und es sollte nicht bei einem Buch bleiben.

Kurt Gammeter: Ein Jahr später brachten wir «Lebensbilder – Begegnungen im Käferberg» heraus, ein Auftragswerk, geschrieben von Annabeth Schallenberg mit schönem Layout von Albert America. Sie hatte die Idee, die Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegezentrums – 40 an der Zahl – mit Fotos zu veröffentlichen. Da war ein Opernsänger dabei, ein weltweit tätiger Werber – persönliche Geschichten, die sonst oft hinter den Mauern eines Pflegeheims «verschwinden».

Martin Bürlimann: Es folgte 2009 «Glockengeläut», ebenfalls eine Auftragsarbeit für die reformierte Kirche. Das Buch erzählt vom ersten Kirchlein im Mittelalter bis zur heutigen Kirche im Quartier. Danach kam «Café Letten – ein Lesebuch»: eine Bildercollage und Zeitreise durch das damalige Lettenquartier – ein Projekt für die Baugenossenschaft Letten.

Kurt Gammeter: Unser aktuelles Werk ist «Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen». Es vereint ausgewählte Bilder von damals und heute, ergänzt durch ausführliche Texte. Wir vertrauen also immer noch auf das Buch als Medium.

Ihr seid viel in der Vergangenheit unterwegs – was haltet ihr vom heutigen Wipkingen?

Martin Bürlimann: Wir urteilen nie und sagen nicht Dinge wie «früher war es schöner». Wir berücksichtigen immer auch die jeweilige Zeit und den Kontext. Bei der Recherche hilft es auch, sich emotional zurückzunehmen, das gelingt nicht immer (lacht). Und natürlich gibt es Bausünden, aber die gibt es überall.

Habt ihr schon ein neues Projekt?

Martin Bürlimann: Unser nächstes Buch handelt von Wipkingen in den 1940er-Jahren, den Kriegsjahren und dem Widerstand. Wir haben das Thema bereits in der Rubrik «Damals» aufgegriffen, aber es gibt viel mehr zu erzählen. Was passierte damals wirklich in Wipkingen? Wie gestaltete sich das Alltagsleben?

Kurt Gammeter: Neben dem militärischen Widerstand existierte auch der zivile Widerstand und wir erinnern etwa an die Wipkingertagungen als Gegenbewegung zu den «Fröntlern». Und wir werden zeigen, dass wir hier in Wipkingen – und generell in der Schweiz – keineswegs völlig sicher waren. Bei der Operation Tannenbaum wäre ein Angriff über Waldshut erfolgt, der dann auch über Wipkingen geführt hätte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Bücher im Wibichinga-Verlag

«Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen»
ISBN: 978-3-75753-707-4

«Wipkingen – vom Dorf zum Quartier»
ISBN: 978-3-95231-490-6

«Café Letten – Ein Lesebuch. Eine Zeitreise durch den Letten»
ISBN: 978-3-95231-493-7

wibichinga.ch

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