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Quartierleben

Wählen, was man und frau lebt

12. Dezember 2018 von

Susan A. Peter leitet das Frauenhaus Zürich.
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Susan A. Peter leitet das Frauenhaus Zürich.

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Online seit
12. Dezember 2018

Printausgabe vom
13. Dezember 2018
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Susan A. Peter ist Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus Zürich. Als solche ist sie zuständig für die Umsetzung der strategischen Ziele des Stiftungsrates, für Öffentlichkeitsarbeit und für das Fundraising. Sie lebt in Wipkingen. Der Wipkinger traf sie für ein Interview.

Frau Peter, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen. Das Thema ist so alt, wie die Menschheit selbst: Gewalt gegen Frauen. Der Mann mag sich fragen: «Bin ich in Sicherheit?» Oder sogar: «Werde ich geliebt?» und «auf welche Art erzeuge ich diese Liebe?» Niemals jedoch sollte ein Mann sich fragen: «Ist Gewalt das beste Mittel, um mich stark zu fühlen?» Denn das Gehirn von manchen Männern reagiert auf diese Frage oft mit: «Ja». Wie gehen Sie persönlich mit der geschichtlichen und psychologischen Entwicklung von Gewalt gegen Frauen um?

Susan Peter: Nun, es heisst ja, das Problem sei mit der Christianisierung und den damit verbundenen patriarchalischen Machtansprüchen von Männern über Frauen entstanden. Dabei würde jedoch die ursprüngliche Botschaft, nämlich die der zehn Gebote und der Nächstenliebe, vergessen beziehungsweise falsch ausgelegt. Doch ich finde diese Fragestellung nur bedingt interessant. Interessant finde ich viel mehr, wie wir in der heutigen Zeit mit der Problematik umgehen. So zeigt die Geschichte bis heute, wie sich Frauen aus der Unterdrückung heraus gemeinsam wehren, das reicht von Lysistrata über die Sufragetten-Bewegung bis zum women’s marche und der me-too-Kampagne. Öfters nach dem Aufschwappen weiblicher Rebellion wurde die Stellung der Frau etwas besser, bevor sich die Situation dann wieder verschlechterte, auf das bald die nächste Revolution kommen musste. Die gesellschaftliche und rechtliche Stellung der Frau in Europa hat sich in den letzten 200 Jahren ganz ganz langsam und stetig verbessert. Und der nächste Frauenstreik ist auf nächstes Jahr ja auch bereits angesagt.

Das Frauenhaus hat sich ja zur Aufgabe gemacht, sich konsequent für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder einzusetzen. Wie sind Sie selber zum Frauenhaus gekommen?

Ich habe nach der Kantonsschule das Kindergärtnerinnen- und Hort-Seminar in Zürich besucht und dann auch zwei Jahren als Kindergärtnerin gearbeitet. Dann habe ich Sozialpädagogik studiert, was eine tolle Zeit war, nicht zuletzt wegen der Aufbruchsstimmung der Jugendunruhen, wo ich auch in verschiedenen frauenspezifischen Gruppen aktiv war. Während des Studiums nahm ich dann ein ausgeschriebenes Praktikum im Frauenhaus Zürich an, ohne zu wissen, auf was ich mich thematisch einliess. «Frauen» hat sich für mich gut und sinnvoll angehört. Vom Thema Gewalt gegen Frauen hatte ich bis dahin noch nie was gehört, wohl aber von Ungerechtigkeiten zwischen Männer und Frauen.

Was waren die Probleme zu jener Zeit? Und was sind sie heute?

Erst seit 1981 werden in Zürich Frauen als weibliche Busfahrer eingesetzt, weil bis dahin die Meinung – vorwiegend von Männern gemacht – dominierte, dass Frauen nicht in der Lage wären, ein so grosses Vehikel wie einen Bus zu lenken. Das tönt heute natürlich absurd, aber dennoch kommt auch hier die pauschale Minderbewertung von Frauen zum Ausdruck, die wir auch heute noch immer in vielen verschiedenen Bereichen antreffen. Und alle diese Unterbewertungen und Ungleichheiten sind ärgerlich, nicht gerecht und letztendlich auch Ausdruck vom Machtanspruch vieler Männer über Frauen. Und auch dies sind Facetten von Gewalt gegen Frauen. Noch so ein abstruses Beispiel: Die Mehrwertsteuer auf Tampons ist höher als auf Katzenstreu und Viagra. Sprich, Tampons werden so verteuert und zwar mit der Begründung der Steuerbehörde, Tampons seien kein Alltagsgegenstand. Noch ein Beispiel ist die Lohnungleichheit, wo es unerklärbare Unterschiede zwischen Frauen- und Männerlöhnen von durchschnittlich 20 Prozent gibt. Diese Minderbewertung ist eine Form von struktureller Diskriminierung und Abwertung gegenüber Frauen, die auch Ausdruck von Minderbewertung und Benachteiligung ist, und das ist auch Gewalt. Oder der immer noch sehr tiefe Anteil an Professorinnen, Politikerinnen und die wenigen männlichen Kindergärtner und Unterstufenlehrer. Das hat alles miteinander zu tun: Die stereotypischen Rollenbilder von Männer und Frauen wirken bei uns immer noch sehr stark und darunter leiden nicht nur viele Frauen, sondern eben auch Männer. Auch sie werden eingeschränkt.

Das Frauenhaus richtet sein Augenmerk auf Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt – sowohl Frauen wie Kinder – und bieten ihnen Schutz und Sicherheit, Unterstützung und Hilfe an. Wie sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich?

Nun, es handelt sich hierbei um ein weltweites Problem. Es gibt viele Untersuchungen und Statistiken, die nachweisen, dass durchschnittlich jede dritte Frau einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt wird. So gehört Gewalt gegen Frauen auch zur häufigsten Menschenrechtsverletzung, auch in der Schweiz. Alle 14 Tage stirbt in der Schweiz durchschnittlich eine Frau durch die Hand ihres Ehemanns, Partners oder Ex-Partners. Auch in der Schweiz gibt es gegen Gewalt an Frauen noch viel zu tun, gerade auch bei der grundsätzlichen Einstellung dem Thema gegenüber. Alle Frauen und viele Kinder, die ins Frauenhaus kommen sind von der Gewalt gezeichnet und oft sehr traumatisiert: Mit blutig geschlagenen Gesichtern, verletzten Augen und Nasen, gebrochenen Armen, geschundenen Rücken und so weiter. Ich habe von 1984 bis 1992 selber als Sozialpädagogin im damaligen Frauenhaus Zürich gearbeitet, die ersten Jahre vorwiegend mit den Kindern. Alle Kinder, die ins Frauenhaus kommen, ob sie selber direkt oder indirekt Gewalt erleben mussten, sind davon gezeichnet. Gewisse Kinder sind vom Erlebten so verängstig und verstört, dass sie sich tagelang in die Ecken drücken und kaum sprechen oder sonst wie kommunizieren, oder sie schlagen alles kurz und klein, sind hyperaktiv und kaum zu beruhigen. Es ist ganz wichtig, sehr sorgsam auf diese Kinder zuzugehen, ihnen die Sicherheit zu vermitteln, dass sie jetzt im Frauenhaus in Sicherheit sind. Sie brauchen viel Zeit und Wärme. In den täglichen «Kinderstunden» und den spezifisch eingerichteten Räumen werden sie eingeladen, zu sein, wie immer sie möchten. Viele Spielsachen, Kissen, Tücher stehen zu Verfügung, sowie Malstifte und Zeichenpapier, so dass sie selber wählen können, was sie tun wollen. Ich kann mich an Zeichnungen erinnern, die in der Tat sehr furchteinflössend waren und mich extrem traurig stimmten. Kinder zeigten dabei ohne Worte, was sie Grauenhaftes mitansehen mussten oder selber erlebten, so kamen tiefste Gefühlen zum Ausdruck. Das Schöne jedoch war auch, immer wieder zu beobachten, wie diese Kinder während ihres Aufenthalts im Frauenhaus allmählich aufblühten und dann schlussendlich «ihre Stimmen» wiederfanden. Viele Kinder kamen mir vor wie Blumen, die schon mit wenig Wasser, ihre Köpfchen anheben und zu wachsen und blühen beginnen. Vor zirka einem halben Jahr habe ich dazu was ganz besonders Schönes erlebt. Ich war im Bus unterwegs als mich eine etwa 30-jährige Frau mit Vornamen ansprach, die sich an mich erinnerte, weil sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder bei uns im Frauenhaus war. Sie erzählte, dass es ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihr sehr gut gehe und sie sich an vieles aus dem Frauenhaus gut erinnern könne. Dass sie mich nach so langer Zeit wiedererkannt hat und woran sie sich alles erinnerte, hat mich sehr berührt und beeindruckt.

Stimmt das Klischee, dass Gewalt gegen Frauen vor allem ein Problem der Unterschicht ist?

Nein, Gewalt gegen Frauen ist alters-, schicht- und kulturunabhängig. Oft wird dieser besagte Stereotyp benutzt, was eine sogenannte Ohnmachtsabwehr und Vermeidungsstrategie ist, um nicht genau hinschauen zu müssen und auch, um sozusagen sein eigenes Verhalten verdeckt zu halten: die anderen, zum Beispiel die Ausländer*innen oder die von Armut Betroffenen – haben das Problem, nicht wir. Ein Unterschied besteht sicherlich darin, wie mit dem Problem der häuslichen Gewalt umgegangen werden kann, also auch, welche Ressourcen dafür zu Verfügung stehen: Statt die Polizei zu rufen, lösen Paare, wo der Mann beispielsweise in der Öffentlichkeit bekannt ist, das Problem privat und über einen Anwalt, oder die Frau flüchtet in ein Hotel oder ins Ferienhaus. Dadurch wird ihr Fall bei der Polizei gar nicht aktenkundig und verzerrt die Statistik. Doch wie gesagt, häusliche Gewalt erleben Frauen jeden Alters, jeder Schicht und jeder Kultur.

Wie wird das Frauenhaus finanziert?

Wir werden vom Kanton Zürich mit 350’000 Franken subventioniert. Zudem werden die ersten 21 Tage des Aufenthaltes der Frauen und Kinder in der Regel von der kantonalen Opferhilfe finanziert. Anschliessend ist die Wohngemeinde der Frau zuständig, wo es jedoch oft happert mit der Kostengutsprache, weil die Gemeinde den Sinn des Frauenhaus-Aufenthalts nicht einsieht oder sparen will. So ist die Stiftung zur Betriebssicherung vom Frauenhaus Zürich Violeta jedes Jahr auf rund 450’000 Franken Spendengelder angewiesen, was sehr viel Geld ist. Wir hoffen, per nächstem Jahr mit dem Kanton eine neue und gesicherte Finanzierungsstruktur zu finden, denn diese Regelung ist eigentlich auch sehr ungerecht: Die Gefängnisse – vorwiegend von Männern belegt– werden vollumfänglich durch Steuergelder finanziert und müssen auch keine Spenden suchen, um den Betrieb finanziell zu sichern.

Wie können sich die Dinge ändern?

Neben der besseren und gerechteren Anwendung der Gesetze, braucht unsere Gesellschaft auch noch viel mehr Sensibilisierung für das Thema Gewalt gegen Frauen. Denn das Thema betrifft auch die Männer. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Mann und Frau bei allen Unterschieden, die es gibt und wertvoll sind, gleichberechtigt und partnerschaftlich unterwegs sind. Und dass auch Männer sich trauen, Schwächen einzugestehen und sich nicht mehr schämen, Gefühle, Sensibilität, Unzulänglichkeiten und Verletzlichkeiten zu zeigen. Für die Frauen wünsche ich mir noch mehr, dass sie sich mehr getrauen, für sich einstehen und selbstsicher werden und dies schon als Mädchen lernen und üben können. Und dass Jungen und Mädchen früh lernen dürfen, Grenzen zu setzen und, dass diese dann respektiert werden. Gerade auch in der Schule soll ein respektvoller Umgang miteinander gelehrt und gelernt werden. Es sollte doch eine selbstverständliche Regel sein, dass wenn jemand «Stop!» sagt, dies auch respektiert wird, auch wenn es nicht den eigenen Wünschen entspricht. Wir brauchen also noch viel mehr sensibilisierte Lehrpersonen, die als Vorbilder wirken und den Kindern respektvollen Umgang miteinander lehren. Dies bedeutet natürlich, dass auch Lehrpersonen jegliche Grenzen achten. Ich habe gewisse Hoffnungen an nächste Generationen, die bereits einen etwas anderen Umgang mit dem Thema mitbekommen haben und ihr Leben gleichberechtigt zwischen Frauen und Männer gestalten, sei es im Berufsleben oder im privaten Umfeld. Ich glaube an das Gute im Menschen und an die zivilgesellschaftlichen Kräfte hin zur gemeinsamen Veränderung. Denn eigentlich sind die Grundbedürfnisse der Menschen sehr universell. Und ja, ich glaube, dass es sich lohnt, für Gerechtigkeit einzustehen und dafür zu kämpfen.

Sagen Sie bitte noch zum Schluss jeweils etwas zu folgenden drei Dingen: Repression, Schadensminderung und Therapie.

Die Gesetze, die wir haben, sind gut und reichen aus, es braucht keine neuen. Doch sie müssen bei den Fällen von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder viel konsequenter angewendet werden. Die Delikte müssen vom Staat verfolgt werden, als Offizialdelikte. Zudem befürworte ich das schweizweite Strafregister und Waffenregister, damit ein Täter nicht einfach den Kanton wechselt und dann dort sozusagen untertauchen kann. Zudem finde ich das Berufsverbot für pädophile Täter sehr richtig und sinnvoll. Auch da muss Nulltoleranz gelten.

Eine Schadensminderung kann durch Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft erreicht werden, durch regelmässige öffentliche Kampagnen, wie es das bei anderen Themen schon längst gibt.
Betreffend Therapie befürworte ich die zum Teil bereits vorhandenen Täterprogramme der Justizdirektion, jedoch gerne unbedingt in verschiedenen Sprachen. Und für die Opfer bräuchte es wie gesagt mehr Geld, damit sie mehr Zeit und Unterstützung bekommen, um aus der Dynamik der häuslichen Gewalt effektiv und nachhaltig hinauszufinden. 21 Tage reichen einfach nicht aus, um ein Leben neu zu organisieren. So sind sie oft viel zu früh auf sich alleine gestellt, was eine Überforderung darstellt und nicht fair ist. Gewalt gegen Frauen und Kinder kostet sehr viel. Darum müssen wir alle – ob beruflich oder privat – wo immer wir können zur Sensibilisierung gegen Gewalt an Frauen und Kinder, und durchaus auch männliche Opfer, und für ein gewaltfreies Leben einstehen. Wir können damit nicht früh genug beginnen, eben zum Beispiel bereits im Kindergarten.

Besten Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Filip Birchler

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