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Quartierleben

Warum der Käferberg-Spielplatz „Rondel“ heisst

21. September 2021 von

Hier prallte am 26. September 1799 die französische Armee auf russische Kosaken.
Foto: zvg

Hier prallte am 26. September 1799 die französische Armee auf russische Kosaken.

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Online seit
21. September 2021

Printausgabe vom
23. September 2021
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Dem lauschigen Kinderspielplatz mitten im Käferbergwald sieht man heute nicht mehr an, dass er in Kriegswirren als Truppenplatz in einer Schanzenkette entstanden ist.

Als Bauarbeiter 1910 beim Abbruch der alten Kirche unten bei der Limmat das Fundament aushoben, fanden sie tief im Boden eine verrostete Kanonenkugel. Ein Archäologe stellte fest, dass die Kugel aus jenem Krieg stammte, der hundertzehn Jahre zuvor gewütet hatte.
Im September 1799 prallten im Guggach, im Röthel und am Beckenhof zwei fremde Armeen aufeinander. Die beiden Heere fochten am nächsten Tag in der Stadt, und zehntausend Soldaten starben. Es war nur eine Episode in den jahrelangen Napoleonischen Kriegen, für Wipkingen war es eine Katastrophe.
Gemeindepräsident Caspar Laubi berichtete von den Schrecknissen der fremden Besatzung:
«Erschrecklich sind die Tage, die über uns kommen sind, und den Jammer, den wir erlebt haben. In den 90er Jahren wurde die Gemeinde durch das Kriegsvolk so heimgesucht, dass zwey arme Hausväter von Weib und Kindern zu todt gehauen wurden.
Die Gemeinde wurde unversehens rein ausgeblündert; mit Einquartierungen von Soldaten und Pferdten, wie auch von Verheerungen von Holz und Feld wurden mir so heimgesucht, dass es kaum auszustehen war, ich selbst hatte das Unglück, Municipal-President zu seyn. Doch behütete Gott unsern Tempel, dass wir ungestört denselben besuchen mögen, und zum Andenken diese Schrift in den Knopf gelegt.»
Verfasst von «Gemeinds-President und Seckelmeister» Caspar Laubi, als Dokument eingelegt in die Turmkugel der alten Kirche; heute liegt dieses Dokument in der Turmkugel der neuen reformierten Kirche Wipkingen.

Einmarsch fremder Armeen

Viele Soldaten waren im Dorf einquartiert. Die beiden Wipkinger, die durch Soldatengewalt ums Leben kamen, waren am 12. Juni 1799 Schneider Jakob Waser im Letten und am 23. Juli Rudolf Rütschi aus dem Nürenberg.
Im März 1798 marschierte Napoleons Armee in die Eidgenossenschaft ein. Politik und Militär konnten nichts ausrichten. Mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung begann eine kurze, turbulente Epoche. Die Helvetische Republik bestand von 1798 bis 1803. Dieser dramatische Abschnitt der Schweizer Geschichte heisst Helvetik.
Die Wipkinger wählten am 9. April 1798 ihre neuen Gemeindevorsteher. Es waren:
Munizipalbeamte:
Heinrich Scherrer,
Johann Siegfried,
Jakob Fürst,
Wilpert Abegg
Gemeindeseckelmeister:
Caspar Laubi
Kellermeister:
Heinrich Abegg
Gemeindeschreiber:
Sigmund Laubi
Agent:
Heinrich Scherrer
Armenpfleger:
Jakob Siegfried
Almosenverwalter:
Jakob Fürst

Unglück in der Luft

Die Besatzungsmacht oktroyierte der Schweiz eine neue Verfassung mit zentralistischer Staatsform, beruhend auf den Idealen der französischen Revolution. Die Helvetische Republik wurde ausgerufen. Die Vereidigung der neuen Verfassung war auf den 16. August 1798 auf der Weid (sic!) angesetzt. Ein feierlicher Akt sollte die neue, kommende Zeit weihen, wozu ein Militäraufgebot als nötig erachtet wurde. Wipkingen stellte ein Fähnlein, bestehend aus 24 Infanteristen, drei Jägern, drei Tambouren und einem Anführer. Die Gewehrträger erhielten 16 Patronen. Nach der Vereidigung schritten die Munizipalbeamte und Gemeindeseckelmeister Caspar Laubi zur Neuverteilung des Pachtlandes. Ebenso verteilten die Gemeindevorsteher verschiedene angesammelte Fonds. Zur Feier gab es einen Trunk, an dem «Männer, Weiber, Töchter, hintersässen Knechte und so weiter teilnahmen», berichtet die Dorfchronik. Pro Person offerierte die Gemeinde ein halbes Brot, ein Pfund Braten und ein Mass Wein.
Die Schweiz war besetzt durch napoleonische Truppen. Napoleon wollte die Eidgenossenschaft der Republik einverleiben, um sich die Alpenpässe und den Durchgang durch das Mittelland zu sichern. Zürich lag dabei strategisch wichtig. Im Oktober 1797 hatte Frankreich das Veltlin besetzt, im Dezember die Juratäler. Mit dem Einmarsch in Bern zwang Napoleon der Schweiz die Helvetische Verfassung auf. Die Truppen erreichten im April 1797 Zürich. Die Koalitionstruppen – also die militärischen Gegner Napoleons – wollten Frankreich zurückdrängen. Der französische General Masséna hatte in der «Helvetischen Armee» – bestehend aus französischen Truppen und Schweizer Söldnern – 25  000 Soldaten und 120 Kanonen zur Verteidigung Zürichs stationiert. Eine Gruppe lag zwischen Käferberg, Milchbuck und Zürichberg. Man erwartete einen Angriff der österreichischen Truppen unter Erzherzog Karl.

Fronarbeit am Rondel

Masséna befestigte die Stadt Zürich gegen Norden mit insgesamt elf Schanzen, wovon die westlichste am Käferberg lag. Sie waren verbunden mit Laufgräben, von denen heute noch Reste im Gelände sichtbar sind. Die Schanzen lagen 150 Meter auseinander, waren viereckig mit Ausdehnung von rund 27 Metern für 120 Mann und bis zu 40 Kanonen berechnet. Ein befestigter Holzzaun mit Gattern umschloss die Schanzen. Zwischen den Schanzen hoben die Fronarbeiter einen runden Platz aus für ein Munitionslager. Solche Militärlager hiessen «un Rondel». Platz und Name blieb erhalten – heute liegt dort der Kinderspielplatz.
Vae Victis: Gebaut wurden die Zürcher Schanzen durch den zürcherischen Schanzenherr Fries. In Fronarbeit schlugen Soldaten der helvetischen Bataillone von Baden und Bern zusammen mit Männern der französischen Genie-Garnison Bäume und gruben die Laufgräben aus. In Wipkingen war eine französische Sappeur-Kompanie einquartiert. Das kantonale Kriegskommissariat bot erwachsene Männer auf, bis zu 3000 Mann täglich.
Anfangs Juni plante Erzherzog Karl mit dem österreichischen Heer einen Angriff in fünf Kolonnen. General Masséna befürchtete eine Niederlage und zog die Truppen in der Nacht vom 6. Juni vollständig über die Limmat zurück. Die Österreicher fanden die Schanzen zu ihrem Erstaunen leer, auch jene am Käferberg. Der Grund für den Rückzug wurde ihnen rasch klar; es gab nur einen Flussübergang bei der Rathausbrücke, bei einer Niederlage wären die Franzosen ausgelöscht worden.
Die Wipkinger mogelten sich durch. In der Gemeinderechnung von 1800 findet sich ein Eintrag «für Wein 2 Eimer, 3 Köpfe während der Einwerfung der Batterien». Das bedeutet, dass die städtische Schanzenverwaltung die Bauarbeiten bezahlen musste und Wipkingen lediglich Verpflegung für drei Fronarbeiter berappte. Man fand sich ab mit der neuen Lage.
Caspar Laubi führte die unterbrochene Neuordnung des Gemeindelandes auf der Weid und im Käferbergholz fort. Es ging um die Neuverpachtung. Bürger, die einen eigenen Haushalt in Wipkingen führten, erhielten Plätze, wobei «jeder Pächter ein Pfund Stumpenlosung von seinem Teil» zu geben hatte; also eine einmalige Pachtsteuer entrichten musste.

Noch eine Schlacht

Man dachte, man habe sich arrangiert. Aber das Land sollte nicht zur Ruhe kommen: Nun waren drei fremde Armeen hier, die Franzosen, Österreicher und Russen. Im August 1799 schritten 20  000 Infanteristen und 1600 Kosaken über die Schweizer Grenze. Das Korps Korsakow war über 1200 Kilometer von Weissrussland marschiert mit Sack und Pack und Artillerie, um mit der Koalition Napoleon zurückzudrängen. Sie bezogen Stellung rechts der Limmat – und bezogen die ehemals französischen Schanzen auf dem Käferberg.
Im Arc de Triomphe in Paris ist «Dietikon» eingraviert. In der Kriegsgeschichte gilt der Übergang der französischen Armee und die Rückeroberung Zürichs als militärisches Meisterstück. Auf dem ganzen Kontinent herrschte Krieg. Die politischen Gegner Napoleons – eben die «Koalition» – beorderte Erzherzog Karl nach Süddeutschland. Ihr Plan bestand nun darin, Rimski-Korsakow und Generalfeldmarschall Hotze – einem Schweizer in österreichischen Diensten und dem Namensgeber der Hotzestrasse – den Oberbefehl zu übertragen. Hotzes Truppen sicherten den Zürichsee, russische Truppen die Limmatlinie. Suworow sollte die Koalition verstärken.
Masséna wollte Suworow zuvorkommen und plante seinen Angriff auf Zürich, welcher auch durch Wipkingen führen sollte. Ein Gedenkstein an der Limmat bei Dietikon erinnert an den Ponton-Übergang. Die Truppen in Brugg sägten und hämmerten drauflos, worauf die Kosaken dort einen Angriff vermuteten. In aller Stille trugen 3000 Infanteristen nächtens 37 Ponton-Boote von Brugg nach Dietikon und von Rottenschwil über den Mutschellen.
Am 25. September um 4 Uhr früh ruderten die Boote bei Dietikon lautlos über die Limmat, machten die Kosaken nieder und ritten und rannten Richtung Zürich. Um 12 Uhr mittags prallten die Armeen am Röthel und beim Beckenhof zusammen. In der Nacht lagen die französischen Truppen wieder in den Schanzen am Käferberg. Am Folgetag gab es ein Gemetzel mit dreitausend französischen und siebentausend russischen und österreichischen Toten.
In Wipkingen waren vier Schwadronen Dragoner mit 550 Mann unter Generalmajor Schepeleff stationiert. Im Röthel starb Hauptmann Zuppinger von der helvetischen Legion. «Er bekam zuerst eine Wunde am Arm, liess sich verbinden und ging gleich wieder ins Gefecht. Allein beim Röthel kam eine Kanonenkugel, die ihm den Kopf wegriss», berichtet ein Schlachtbeschrieb.

Schlussstrich

Der untere Teil Wipkingens blieb unversehrt, aber der obere Teil beim Röthel und Guggach war verwüstet. Zudem war Zürich wieder eine besetzte Stadt und die Gemeinde Wipkingen musste Reparationen zahlen, «im Ganzen auf die Summe von 109  279 Pfund oder 163  918 alte Franken, was bei einer Bevölkerung von 511 Seelen 320 alte Franken ausmacht». Wipkingen bezahlte weiter «17 Eimer Wein, 19 Mütt Kernen und 614 Pfund 3 Heller und ferner noch 1074 Pfund und 6 Heller», listet die Wipkinger Gemeinderechnung aus dem Jahr 1800 auf. Man versteht den Kummer des Seckelmeisters Laubi, der geschrieben hatte «Die Gemeinde wurde unversehens rein ausgeblündert».
Das Leben kam zum Erliegen. Als Sinnbild dafür mag der Schlussstrich des Dorfpfarrers Heinrich Zimmermann gelten. Der letzte Eintrag im Protokoll des Stillstands erfolgte am 23. Juni 1799. Pfarrer Zimmermann gab sein Amt ab, und erst im Oktober trat Leonhard Wolf seinen Pfarrdienst in Wipkingen an.

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