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«Wipkingen rules»

31. März 2022 von

Die neue Stadträtin Simone Brander und der alte Stadtrat Richard Wolff trafen sich zum Küchengespräch mit dem "Wipkinger"
Foto: Annie Wehrlie

Die neue Stadträtin Simone Brander und der alte Stadtrat Richard Wolff trafen sich zum Küchengespräch mit dem «Wipkinger»

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31. März 2022

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31. März 2022
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Wipkingen verliert mit Richard Wolff einen Stadtrat und gewinnt mit Simone Brander eine Stadträtin. Die politischen Werte und Ziele der beiden langjährigen Lokalpolitiker*innen liegen nah beieinander. Im Interview sprechen sie über den Umgang mit Popularität, Macht und was das Amt der Stadträtin so anziehend macht.

Am 13. Februar wurde Simone Brander (SP) mit einem Glanzresultat zur Stadträ­tin von Zürich gewählt. Sie erhielt mehr Stimmen als die ebenfalls gewählten Stadträte Hauri, Leute­negger und Baumer. Im Mai tritt sie ihr Amt an. Obwohl die diplo­mierte Umweltnaturwissen­schaftlerin und Fachspezialistin für Energiewirtschaft aufgrund ihrer Interessen und ihres Leis­tungsausweises für das Departe­ment ihres Vorgängers Richard Wolff (AL) prädestiniert wäre, liegt es weder an ihr noch an ihm, zu entscheiden, ob sie die neue Vor­steherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements wird. Sie könne ihre Ziele jedoch auch in an­deren Departementen verfolgen, sagt die ambitionierte SP-Frau.
Im Gegensatz zu Brander, die 13 Jahre im Gemeinderat sass, kandi­dierte Wolff bereits nach drei Jah­ren für den Stadtratssitz. Durch den Rücktritt von FDP Alt-Stadtrat Martin Vollenwyder und da die SP und die Grünen niemanden ins Rennen schickten, ergab sich für die Alternative Liste die einzigarti­ge Möglichkeit, einen Platz in der Exekutive zu ergattern. Wolff kan­didierte und machte – zur Überra­schung aller – im zweiten Wahl­gang das Rennen gegen den FDP-Kandidaten Marco Camin. «Es war ein wenig wie Asterix gegen die Römer», erinnert sich der ab­tretende Stadtrat Wolff. «Doch ich empfand keine Angst oder ähnli­ches – das muss man vorher mit sich klären, denn wenn man sich einmal auf den Weg macht, gibt es kein Zurück». Das sieht Brander ebenso: Sie sei all den Leuten ge­genüber verpflichtet, die sich in Fronarbeit für den Erfolg einge­setzt haben, und auch jenen ge­genüber, die darauf zählen, dass sie sich im Amt für deren Interes­sen einsetzt. «Der Respekt kommt später, je nachdem, welches Departement man erhält», sagt Wolff und lacht. Ihm war 2013 das Poli­zeidepartement zugeteilt worden, kein «Match made in Heaven», wie er rückblickend sagt.

Frau Brander, herzlichen Glück­wunsch zu Ihrem Einzug in den Stadtrat. Wie fühlen Sie sich?

Ich freue mich natürlich sehr über die Wahl. Schon die Nomination durch unsere Delegiertenver­sammlung war ein Vertrauensbe­weis. Man hatte sich in der Corona­zeit nicht gesehen, ich kannte viele der neuen Delegierten noch nicht persönlich und trotzdem haben sie sich für mich entschieden. Das ist ein schönes Gefühl. Gleich am nächsten Morgen nach der Nomi­nation ging es richtig los mit dem Wahlkampf. Ich erinnere mich, dass ich um acht Uhr ein Fotoshoo­ting hatte, das fast den ganzen Tag dauerte. Während des Wahlkampfs habe ich viele positive Rückmel­dungen erhalten, dass das Resultat dann aber so gut ausfiel, hat nicht nur mich überrascht. Die Freude ist riesig, der Respekt vor der Aufgabe natürlich schon da. Es ist ja eher ungewöhnlich, dass man sich für einen Job bewirbt, ohne richtig zu wissen, in welchem Bereich man arbeiten wird. Speziell ist ausser­dem, dass ich von ganz vielen Leu­ten, nämlich dem Stimmvolk, ein­gestellt wurde.

Der frühere Stadtentwickler Wolff gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Zum Beispiel von einem Projekt mit verschiede­nen Agglomerationsgemeinden, in dem es darum geht, zu grossen Themen wie Verkehr, Landschafts­entwicklung, Verdichtung über die kommunalen Grenzen hinweg zu­sammenzuarbeiten. Ein wenig wundert man sich schon, wieso er aufhören will. Dann relativiert er und sagt, das seien die Highlights, nicht alles sei gleich spannend. Es sei ein anstrengender Beruf.

Richard Wolff, Sie klingen viel zu begeistert für jemanden, der aufhören will. Wieso treten Sie genau jetzt zurück?

Neun Jahre sind eine gute Amts­dauer und ich bin mit bald 65 im richtigen Alter, um aufzuhören. Zum Glück bin ich noch gesund, so dass ich mich nun den vielen Interessen, die ich neben der Poli­tik habe, widmen kann. Als Stadt­rat muss man vieles im Privatle­ben zurückstecken. Wir haben ein recht enges Zeitmanagement mit vielen Sitzungen und Abendanläs­sen, da ist es schwierig, ein sozia­les Umfeld zu pflegen.

Wird Ihnen nicht etwas fehlen?

Ich werde sicher meine Mitarbei­tenden, vor allem meine engsten Kolleginnen und Kollegen, vermis­sen. Mit ihnen habe ich viele interessante Geschäfte bearbeitet und oft auch schwierige Probleme ge­löst. Und dann gibt es ein paar Pro­jekte, die ich gerne noch ein Weil­chen weiter geleitet oder begleitet hätte. Zum Beispiel die Masterpla­nung HB/Central, bei der es um die mögliche Neuorganisation von Ver­kehr und Stadtraum rund um den Hauptbahnhof geht. Dafür freue ich mich darauf zu sehen, wie in den nächsten Jahren all die Projekte, die ich aufgegleist und für die ich mich mit Herzblut und erfolgreich eingesetzt habe, umgesetzt wer­den, wie das Velovorzugsroute­netz, der Massnahmenplan Hitze­minderung, die Kreislaufwirt­schaft, ja vielleicht sogar die CO2-Rückgewinnung und Speiche­rung, um nur einige zu nennen.

Gab es etwas, das Sie so nicht erwartet hätten, als Sie das Amt 2013 antraten?

Mir war nicht bewusst, wie sehr ich in dieser Position im Fokus der Medien stehen würde. Es hängt sicherlich davon ab, welchem Departement man vorsteht – der Wolff im Polizeidepartement war einfach zu verlockend, da konnte man jeden Tag eine Geschichte schreiben. In Zürich, der Medien­hauptstadt, der grössten Stadt der Schweiz, steht die Regierung viel­leicht noch stärker unter Beobach­tung als anderswo. Das hat mich überrascht. Dass man morgens die Zeitung aufschlägt und nicht weiss, ob einem eine Karikatur von sich selber entgegenspringt. Das kommt vor und ist ehrlich gesagt nicht im­mer lustig. Aber: Es ist Teil des Jobs und man muss damit umge­hen können, denn wie man damit umgeht, bestimmt teilweise den ei­genen Erfolg. Wer das nicht kann, sollte aufhören. Es ist nicht gesund.

Simone Brander, Sie wurden in ihrem Job als Dienstleiterin geologische Tiefenlager beim Bundesamt für Energie auch schon persönlich angefeindet.

Ja, und auch im Wahlkampf kam es zu persönlichen Angriffen. Ge­rade bei den Frauen im Stadtrat konnte man schon früher mitver­folgen, dass diese ganz gezielt an­gegriffen wurden. Es ist mir klar, dass das passieren kann. Aller­dings kann ich als Stadträtin, im Gegensatz zu heute, auf ein Kom­munikationsteam zählen, das mich unterstützen wird. Ich bin dann einerseits exponierter, habe dafür aber Hilfe von Fachleuten.

Wolff: Ich finde, in der Schweiz läuft es noch einigermassen zivili­siert ab. In der Regel gewährt man den Politiker*innen einen gewis­sen Schutz der Privatsphäre, man trennt das Politische vom Priva­ten. Es gibt jedoch zunehmend Medien, die das ungeschriebene Gesetz verletzen. Natürlich spielt das Ego auch eine Rolle, wenn man sich für ein solches Amt be­wirbt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss. Ohne einen gewissen Res­pekt oder eine Distanz geht es nicht. Wenn die Angriffe auf die Person überhandnehmen, wird es unerträglich, Politik zu machen und dann findet sich bald nie­mand mehr, der oder die sich für ein Amt zur Verfügung stellen will.

Simone Brander, schreckt es Sie nicht ab, wenn Sie hören, wie fremdbestimmt Richard Wolffs Tage strukturiert sind?

Es geht mir ja heute schon ganz ähnlich: Ich arbeite 80 Prozent beim Kanton Aargau, 30 bis 40 Pro­zent im Gemeinderat und engagie­re mich in diversen Vereinen und Verbänden. Daher kann ich mir schon vorstellen, wie intensiv es wird. Aber ich will das ja, deshalb habe ich mich für diesen Job be­worben. Ich möchte etwas bewir­ken, mitreden, strategische Fragen stellen können, mitentscheiden, das interessiert mich. Mit der Ver­waltung zusammenzuarbeiten und die Agenda mitzuprägen.

Denken Sie, das Amt der Stadträ­tin wird Sie verändern?

Ich würde mich auch verändern, wenn ich nicht Stadträtin wäre. Wir entwickeln uns ja alle irgend­wie weiter. Meine Werte und mei­ne politische Haltung werde ich si­cher nicht verlieren. Deswegen wurde ich gewählt, von Stimmbür­ger*innen, die diese Werte teilen und sie in der Regierung verteidigt wissen wollen. Das ist mein Auf­trag, sowie es der Auftrag jeder ge­wählten Politikerin oder jedem Po­litiker ist, egal welcher Partei sie oder er angehört.

Mit jedem höheren Amt geht mehr Macht einher. Sind Sie eine machthungrige Person?

Mich interessiert Macht, sofern sie mir hilft, die Anliegen der Bevölke­rung umzusetzen. Also Macht in Form von Entscheidungsbefugnis, um Einfluss nehmen zu können , so dass Zürich rasch klimaneutral wird. Als Person bin ich mir der Verantwortung bewusst, die Macht mit sich bringt. Zum ersten Mal bemerkt habe ich das, als ich vor vielen Jahren bei einer Aktion auf der Dachterrasse des Amtshauses am Helvetiaplatz stand und 150 Menschen am Boden über ein Me­gaphon Anweisungen gab, wie sie sich formieren sollten. Wenn Du siehst, dass 150 Menschen genau das machen, was Du ihnen sagst – das ist mir ziemlich eingefahren. Da habe ich zum ersten Mal ein Gefühl von Macht verspürt, das war krass.

Für beide stehen nun also grosse Veränderungen an. Brander hat ih­ren Job beim Kanton Aargau per Ende April gekündigt und wird ih­re diversen Vorstandsaufgaben abgeben. Das heisst auch: Ab­schiednehmen.

Brander: Wenn man sich schon Jahre oder Jahrzehnte in einer Gruppe engagiert, ist das Aufhö­ren emotional. Da sind Menschen, die ich schätze und von denen ich jetzt Abschied nehmen muss. Beim Wipkinger Verein «Garte über de Gleis» war ich zum Bei­spiel Präsidentin, dort suchen wir nun eine Nachfolge. Nicht nur aus Zeitgründen, sondern auch wegen der Interessenskonflikte mit mei­nem Amt. Auch im Gemeinderat, wo wir ein eingespieltes Team sind, haben sich nach 13 Jahren gewisse Traditionen eingebürgert. Es fällt mir nicht leicht, meine Kol­leg*innen zu verlassen, das habe ich festgestellt.

Wolff: Ich freue mich darauf, wie­der selbstbestimmter über meine Zeit zu verfügen. So habe ich noch keine konkreten Anschlusspläne, sondern möchte erst einmal an­kommen, durchatmen und es auf mich zukommen lassen, welche Themen ich angehen möchte. Das ist ein grosser Luxus und eine Qualität. Ich freue mich darauf, wieder Energie und Zeit zu haben, an alte Freundschaften anzuknüp­fen und Hobbies zu pflegen.

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