Wipkingens Zeitmaschine

Hannes Hübner beschäftigt sich in seinem Labor an der Habsburgstrasse mit den Geheimnissen der analogen Fotografie.

Hannes Hübner in seinem Labor.

Hannes’ Hübners Enthusiasmus für seine Arbeit ist so gewaltig, dass er sofort mit mehreren Sinnen erfassbar scheint. Er wirkt wie ein sehr studierter Mann, der um ein Geheimnis weiss, das er nur einem kleinen Kreis von Auserwählten weiterzugeben bereit ist. Er zieht einen weissen Laborkittel an und legt sofort los, darüber zu referieren, mit der energetischen Intensität eines Doc Emmet Brown aus «Zurück in die Zukunft», der einem den Flux-Kompensator erklärt. Nein, es handelt sich nicht wirklich um eine Zeitmaschine, und doch ist sein Fotolabor, bei rechtem Licht betrachtet, genau das. Die Fenster sind abgeklebt, wegen der lichtempfindlichen Substanzen muss komplette Dunkelheit herrschen. In seiner Arbeit vertieft, gibt ihm nur eine kleine Uhr eine ungefähre Vorstellung davon, wie hell es ausserhalb des Kellers sein könnte. So merkt er bisweilen nicht, wie die Zeit vergeht. Es kann vorkommen, dass er noch mit Tageslicht rechnet, wenn es in Wahrheit draussen schon längst dunkel geworden ist. Doch die eigentliche Zeitreise passiert in seiner Kunst. Manche der Drucktechniken, die er für seine Fotografien verwendet, sind Relikte einer längst vergangenen Epoche. Der Mangandruck, zum Beispiel, ist vor ungefähr 80 Jahren vergessen gegangen, das heisst, er ist durch einfachere, effektivere und umweltschonendere Druckverfahren abgelöst worden. Hübner ist, laut eigener Aussage, der einzige in der Schweiz lebende Mensch, der noch mit der Herstellungstechnik Mangandruck arbeitet. «Das Wissen um die fotografischen Prozesse muss bewahrt, erforscht und weitergegeben werden», so Hübner. Er hat sich etwas verschrieben, wofür es kaum Experten mehr gibt, und das ohne Leute wie ihn bald komplett aus dem menschlichen Gedächtnis gelöscht würde.

 

Verloren gegangene Kunst

Er entnimmt dem Belichter ein Kontaktnegativ. Das darunterliegende Pigmentpapier ist nun für den komplexen Chrom-Gelatine-Pigment-Druck fertig, nachdem es genau sechsundzwanzig Minuten mit blauem UV-Licht beleuchtet wurde. Das Bild zeigt eine Flusslandschaft vor einem weiten Feld, dahinter ein abgelegenes Haus, das als einziges Element von menschlicher Gegenwart zeugt. Doch was Hübner mehr interessiert als das Motiv, ist die Machart eines Fotos. Jede seiner Fotografien ist nicht einfach ein uniformes Bild, sondern ein handgemachtes Unikat, in dessen Einzigartigkeit viel Arbeit gesteckt wurde.

Später wird er das fertig belichtete Pigmentpapier auf ein sogenanntes Umdruckpapier pressen und in ein warmes Wasserbad geben. Die belichteten Teile der mit Pigmenten versetzten Gelatineschicht bleiben auf dem Umdruckpapier kleben und ergeben so das fertige Bild. In der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts gab es mehrere Dutzend solche Verfahren, um Bilder von der Realität über eine Kamera haltbar zu machen. Der Chrom-Gelatine-Pigment-Druck ist nur eine davon. Der klassische Schwarz/Weiss-Druck der analogen Fotografie funktioniert über Silber, das die lichtempfindliche Unterlage schwarz färbt. Das Eisen, wie in der Cyanotypie verwendet, wird ausnahmslos und immer blau. Seltsamer verhalten sich Metalle wie Mangan, das mit den jeweiligen Entwicklersubstanzen zu beinahe jeder beliebigen Farbe reagieren kann. Hübner betont, dass er nicht bloss in der Vergangenheit hängen bleiben will. Er erforscht diese alten Prozesse, um sie für neuartige Projekte zu nutzen. So stellte er sich nach seiner Ausstellung «Unter dem Gipfelkreuz (2018)» die Frage: «Wie kann ich die Aussage des Motivs durch seine Umsetzung, den Herstellungsprozess des Werkes, verstärken?». Als Antwort darauf hat er die Installation «Erosion» geschaffen. Er nahm ein Foto von einem Sandstein-Untergrund und setze ihn als Chrom-Gelatine-Druck um, mit einem Pulver aus ebendiesem Sandstein. Die Besucher der Ausstellung sollten auf einem Foto, das nun eben mit dem Material seines eigenen Motivs gedruckt war, herumlaufen und es mit ihren Schuhen «erodieren» können. Oder er hat die Felszeichnungen von Carschenna auf ein Stück Fels von dem Ort, an dem sich die Original-Felszeichnungen befinden, gedruckt. So schenkt er den in Vergessenheit geratenen Verfahren nicht nur Wiederbelebung, sondern auch eine neue, interaktive Bedeutung.

Weg mit dem alten, her mit dem neuen (Labor)

Den Entschluss, alte Prozesse zu erforschen, fällte der Dreissigjährige, als er für die Fotolaborkommission des Studierendenverbandes der ETH Zürich tätig war. Hübner wurde 1989, kurz vor der Wende, in Leipzig geboren. Seine Eltern kamen in die Schweiz, und er wuchs in Biel auf. Mit achtzehn, als es an der Zeit war, sein Studium auszusuchen, wählte Hübner den Studiengang Chemie an der ETH. Nach einem Jahr wechselte er zu den Agrarwissenschaften, in denen er Bachelor und Master machte. Er war schon immer ein begeisterter Wanderer gewesen und liebte es, die schönen Berglandschaften als Sujets für Fotos zu benutzen. Bald entdeckte er die analoge Fotografie für sich und wurde kurz darauf Mitglied bei der Fotolaborkommission, wo er seine nostalgische Passion ausleben konnte. Als die Kommission aufgelöst wurde und Hübner unbedingt weitermachen wollte, sah er sich nach einem Ort für sein eigenes, privates Fotolabor um. Er fand ihn an der Habsburgstrasse 10, unweit von dort, wo er mit seiner Frau Dorothea und der zehn Monate alten Tochter Angelina lebt, im Keller des Hauses. Eigenhändig installierte er hier einen Boiler und legte eine Abwasserzweigleitung. Die ETH überliess ihm die Laborkonsole, die er hier, ebenfalls eigenhändig, aufbaute. Bald füllten sich die Regale mit den nötigen Chemikalien und sonstigen Hilfsmitteln, die Gerätschaften wie der UV-Belichter, das Rotlicht und das Vergrösserungsgerät wurden aufgestellt. Hübner orientiert sich inzwischen blind innerhalb dieser zehn Quadratmeter, er könnte alles finden, wenn das Licht ausgeschaltet ist. Trotzdem macht er es zur Sicherheit an, wenn er aus über 30 verschiedenen, zum Teil ökotoxischen Substanzen die richtige finden muss. Natürlich fliesst nichts davon in den Abfluss, sondern alles in eigens dafür vorgesehene Kanister, die regelgerecht entsorgt werden müssen. Latexhandschuhe und seine sorgfältige Arbeitsweise sorgen für zusätzliche Sicherheit. Einen Unfall gab es erst einmal im alten Labor an der ETH, und zwar bei seinem ersten Versuch mit Mangan. Er hatte die Mengenangaben aus einem alten Buch übernommen, dabei aber nicht mit einberechnet, dass vor 100 Jahren die Chemikalien unreiner waren als heute. Deshalb waren grössere Mengen des Metalls angegeben, als in Reinform notwendig wäre. Wenn man Mangan und Säure vermischt, führt dies zu einer Explosion und einem halben Tag, den man mit Putzen des Labors verbringt.

 

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