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Quartierleben

«Wir sind so züri-lisiert»

25. Juni 2019 von

«Auf dem Röschibachplatz kann man noch sein, wie man ist», Martina aus Wipkingen.
Foto: Patricia Senn

«Auf dem Röschibachplatz kann man noch sein, wie man ist», Martina aus Wipkingen

Von

Online seit
25. Juni 2019

Printausgabe vom
27. Juni 2019
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Martina lebt seit fast zwanzig Jahren in Wipkingen. Sie führt ein intensives Leben und schätzt die unverkrampfte Atmosphäre in ihrem Quartier.

Ich wohne seit 18 Jahren in Wipkingen. Es gefällt mir hier sehr gut, aber immer, wenn ich von einer Reise zurückkomme, merke ich, wie stark ich mich zuvor an die hier geltenden Normen angepasst hatte. So, wie wir Zürcher*innen halt funktionieren, so «züri-lisiert». Man hat dann immer das Gefühl, man müsse sich «vorbereiten», wenn man das Haus verlässt. Manche Frauen gehen ja nicht mal ungeschminkt zum Kiosk. Aber es gibt ja zum Glück in der Stadt noch Orte, wo man einfach sein kann, wie man ist, zum Beispiel hier auf dem Röschibachplatz. Oder in der Bar im Kreis 4, in der ich manchmal arbeite. Dennoch: Das ist ein Thema, das mich mein Leben lang begleitet: Wie kann ich in dieser Umgebung trotzdem mich selber bleiben? Ohne ständig zu überlegen, was andere über mich denken. Denn eigentlich wurde ich nicht so erzogen, sondern habe immer mein Ding gemacht.

Aufgewachsen bin ich in Baden. Meine Mutter hatte grosses Potenzial für eine Schwimmsportkarriere, entschied sich jedoch, als sie in den Profisport gerufen wurde, für das Familienleben. Im dritten Anlauf klappte es dann auch, da erblickte ich das Licht der Welt, später bekam ich noch drei Geschwister. Mein Vater war Kanti-Lehrer und engagierte sich stark in der lokalen Politik. Er starb allerdings, als ich elf Jahre alt war, was eine grosse Lücke in meinem Leben hinterliess. In unserem Haus war immer etwas los, ein bunter Mix verschiedenster Menschen ging ein und aus. Vielleicht bin ich deshalb gerne unter Leuten und verstehe mich eigentlich mit den meisten gut. Ich mag schillernde Persönlichkeiten. Die Partnerin meiner Tante war eine beeindruckende Erscheinung mit ihrer knallroten, hochtoupierten Frisur. Sie war eigentlich ein Mann in der Transitionsphase zur Frau. Solche Menschen haben mich sehr geprägt, mich offen gemacht dafür, was alles möglich ist in der Welt. Und mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Das fing schon früh an. Mit 13 ging ich an Raves, in diesem Alter kommt man ja gut ohne Alkohol durch die Nacht. Dann gab es eine «Töggeli»-Phase, in der wir jeden Wochentag an einem anderen Töggelikasten verbrachten, Eistee tranken, kifften, tanzten und eben töggelten. Das waren mehrheitlich Jungs, mit denen ich um die Häuser zog. Aber diese Trennung von Frauen und Männer hat mich schon immer genervt.

Mit 16 entschied ich mich, nicht an die Kanti zu gehen oder eine Lehre anzutreten, sondern stattdessen Mode zu machen. Mit Hilfe meiner Mutter, Schwester und Grossmutter habe ich ein Jahr lang entworfen, gezeichnet, genäht. Zwei Tage nach meinem 17. Geburtstag konnte ich meine erste Kollektion präsentieren. Später durfte ich meine Kollektionen jeweils in Zürich und Luzern präsentieren. Eine Modeschule wollte ich bewusst nicht besuchen, da ich befürchtete, die Farbenlehre und vorgegebenen Techniken würden mich zu sehr beeinflussen. So arbeitete ich oft mit Stoffen, die üblicherweise nicht für die jeweiligen Kleidungsstücke verwendet werden, mit dem Resultat, dass sie ganz anders aussahen, als das, was man sonst in den Läden fand. Als letztes habe ich Bademode entworfen. In dieser Zeit fingen auch die Billig-Modehäuser an, individuellere Sachen anzubieten und konnten natürlich preislich auf einem ganz anderen Niveau arbeiten. Das wollte ich nicht. Es ist harte Arbeit, die wollte ich meinen Näherinnen entsprechend fair entlohnen. Das war am Ende einfach nicht realistisch, darum habe ich mich irgendwann auf andere Dinge konzentriert. Zu dieser Zeit moderierte ich bei Viva Swiss und tanzte Gogo im Kaufleuten – in einem Alter, in dem ich offiziell gar nicht in den Club reingekommen wäre. Aber die Crew war super, wir tanzten auf der Bühne und wurden noch dafür bezahlt! Irgendwann durfte ich auch unsere Kostüme nähen. Es war unglaublich, eine wirklich tolle Zeit. Mit 14 hatte ich angefangen zu modeln, obwohl ich dafür eigentlich zu klein bin – sie hatten wohl gehofft, dass ich noch wachse. Ich liebe es, mich in verschiedene Rollen reinzugeben, bin überhaupt nicht schüchtern und habe kein Problem damit, mal nicht so nett auszusehen. Früher war es mir auch egal, mich für ein Foto als Dummchen oder Sexbombe zu inszenieren. Heute mache ich das nicht mehr, weil ich festgestellt habe, dass die Leute irgendwann glauben, dass man tatsächlich so ist. Nach 22 Jahren in der Branche wissen die Agenturen aber, wofür sie mich anfragen können und was ich nicht mache. Ich habe das wirklich grosse Glück, dass ich mittlerweile oft von nachhaltigen Labels und Freunden angefragt werde, die auch wirklich coole Sachen machen, mit denen ich mich identifizieren kann. Natürlich gibt es aber immer wieder auch Jobs, vor allem in der Werbung, die ich persönlich jetzt nicht hundert Prozent toll finde. Das bringt mich manchmal in einen Clinch mit mir selber. Dann sage ich mir: Mit so einem Auftrag verdiene ich Geld für drei bis fünf Monatsmieten, und kann dafür die restliche Zeit auch freiwillig in Projekte investieren, die mir am Herzen liegen und für Leute arbeiten, die kein so grosses Budget haben. Das ist ganz klar ein grosses Privileg, Zeit ist der grösste Luxus, den ich mir leiste. Heute haben die wenigsten Leute Zeit, das merkt man, wenn man Hilfe für einen Umzug oder so organisieren muss. Da bleibt dann schnell mal niemand mehr übrig auf der Telefonliste. Ich habe Bekannte, die haben drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Die arbeiten bis zum Umfallen und müssen das irgendwie kompensieren, mit zwei Wochen Zwangskonzentration und Yoga oder «Glamping» am Burning Man. Ich glaube, deshalb werden in der Stadt auch so viel Drogen konsumiert, man muss irgendwie runterkommen.

Obwohl ich ein recht intensives Leben lebe und vielleicht auf den ersten Blick nicht so bodenständig wirke, bin ich ein ziemlich realistischer Mensch. Ein realistischer Hippie, sozusagen. Obwohl ich mir zum Beispiel ein Leben in der einer Kommune, auf einem Bauernhof auf dem Land, unheimlich cool vorstelle, mache ich mir keine Illusionen darüber, dass das wirklich so romantisch ist. Und obwohl ich viel reise und unterwegs bin, bin ich eigentlich eine «Nesthockerin» und möchte, wenn möglich, nur noch einmal in meinem Leben umziehen. Aber wer weiss, was noch geschieht.

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