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Quartierleben

Zeitreise Wipkingen

24. Juni 2020 von

Wo heute Badegäste im Oberen Letten die Sonne geniessen, war vor 25 Jahren die Hölle auf Erden.
Foto: Schweizerisches Sozialarchiv/ Gertrud Vogler

Wo heute Badegäste im Oberen Letten die Sonne geniessen, war vor 25 Jahren die Hölle auf Erden.

Von

Online seit
24. Juni 2020

Printausgabe vom
25. Juni 2020
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Der Drogenabgrund an der Limmat Der erste Teil der Serie «Wipkingen History» reist zu einem der dunkelsten Kapitel der Zürcher Stadtgeschichte, welches sich direkt vor den Wipkinger Haustüren abgespielt hat.

Das Gebiet um die Bade- und Freizeitanlagen des «Oberen» und «Unteren» Letten ist im Sommer wohl einer der beliebtesten Hotspots von Zürich. Die Flusspromenade ist täglich dicht gedrängt von Besucher*innen. Nebst den Badeanstalten locken verschiedene Bars, ein Skatepark unterhalb der Kornhausbrücke und zwei Volleyballfelder zusätzliche Leute in die hippe Vergnügungsoase mitten in der Stadt.

Ruhe vor dem Sturm: Bereits kurz nach der Schliessung des Bahnhof Letten beginnt die Verwahrlosung. Das war erst der Anfang.

Ruhe vor dem Sturm: Bereits kurz nach der Schliessung des Bahnhof Letten beginnt die Verwahrlosung. Das war erst der Anfang.

Nichts erinnert an das Elend, das sich genau dort vor 25 Jahren abgespielt hat. Ende der 80er-Jahre entwickelte sich am Platzspitz beim Hauptbahnhof eine der grössten offenen Drogenszenen Europas. Der Platzspitz war international in den Schlagzeilen – als «Needle-Park». Und Zürich war «Junkietown». Die abrupte Schliessung und Räumung des Parks bewirkte nichts. Die Drogenszene verschob sich lediglich flussabwärts und setzte sich beim kurz zuvor still gelegten Bahnhof Letten bei der Kornhausbrücke fest.

Als 1995 auch das Lettenareal endgültig von der Polizei geräumt und abgesperrt wurde, fand man unfassbare Zustände vor. Tausende gerbrauchte Spritzen, knietiefer Dreck, Blut, Ratten und ein ätzender Gestank. Das Ausmass des Verderbens liess sich auch in Zahlen dokumentieren. Mehr als 10 Tonnen Abfall lag bei der Schliessung des Areals herum. Zu Spitzenzeiten befanden sich über 1000 Konsumenten am Letten, und es wurden täglich 15000 Spritzen getauscht. Diese Hölle kostete mehr als 300 Menschen das Leben. Viele starben auch noch in den Jahren nach der Schliessung an den Spätfolgen des Konsums.

Das Treppenhaus als Toilette

Mit der Verschiebung der Szene zum Bahnhof Letten erlebte das Quartier Wipkingen dieses Drogeninferno hautnah mit. Der harte Kern der Süchtigen befand sich nun im direkten Einzugsgebiet des Quartiers und weitete sich auch auf die umliegenden Nachbarschaften aus. Die Verwahrlosung der Szene führte auch zu erhöhter Gewaltbereitschaft, Schiessereien unter Dealern, Prostitution für die Stoffbeschaffung und diversen anderen Problemen. Karl Guyer, Betriebsleiter des GZ Wipkingen erinnert sich gut an diese Zeit: «Die Lettenszene war eine grosse Belastung, vor allem für den Quartierteil östlich der Rosengartenstrasse. Aber auch im GZ Wipkingen mussten wir jeden Morgen das ganze Areal nach Spritzen absuchen. Für Familien mit Kindern, die entlang der Limmat gelebt haben, war es unerträglich. Viele Leute sind in dieser Zeit von Wipkingen weggezogen».
In einem Zeitungsartikel der NZZ von 1993 äusserte sich auch der damalige Quartiervereinspräsident Benedikt Gschwind über die Notlage von Wipkingen: «Das soziale Leben im Quartier leidet erheblich, seit das Bahnareal Letten der offenen Drogenszene als Treffpunkt dient. Ungebetene Gäste in Gärten und Treppenhäusern, die solche Orte nicht nur als Schlafgelegenheit, sondern oft auch als Toilette benutzen, belasten den Alltag sehr».

Drogenabhängige im Landenbergpark

Peter Schmid war zu dieser Zeit ebenfalls Mitglied im Vorstand des Quartiervereins Wipkingen. Es sei eine bedrückende Zeit gewesen, sagt er. Der QV sei damals die «Klagemauer» für viele besorgte Wipkinger*innen gewesen. «Bei uns im Quartierverein herrschte ein Gefühl der Machtlosigkeit. Der besorgten Quartiersbevölkerung empfahlen wir, sich in Notfällen an die Polizei zu wenden. Das einzige, was wir als QV machen konnten, war Druck auf den Stadtrat ausüben und politische Lösungen fordern», erklärt Schmid. Diese politische Lösung entwickelte sich jedoch nur schleppend. Und so breitete sich die Drogenszene vom Letten immer weiter aus. Auch Peter Schmid hat diese Ausbreitung miterlebt: «Vom Bahnhof Letten hat die Szene auf das ganze Quartier ausgestrahlt. Die Abhängigen versammelten sich vor allem um den Bahnhof Wipkingen und im Landenbergpark und es lagen auch viele Spritzen am Boden». Die Verlagerung der Szene in das Quartier und die dadurch entstandene Verunsicherung wirkten sich auch auf das Alltagsleben der Wipkinger*innen aus. Verschiedene Wohngenossenschaften im Umkreis um den Bahnhof Letten brachten Zäune an, um die Grundstücke zu schützen. Überall im Quartier bei Hauseingängen, beim Bahnhof Wipkingen und an anderen öffentlichen Orten wurden UV-Lichter angebracht, um das «Fixen» an diesen Orten zu verhindern. Es war eine schwierige Zeit für Wipkingen.

Kaum vorstellbar. So sah der Bahnhof aus als noch Betrieb herrschte.

Kaum vorstellbar. So sah der Bahnhof aus als noch Betrieb herrschte.

 

 

 

 

 

 

Das Ende der Szene

1995 wurde das Lettenareal geschlossen. Zürich hatte bis zu diesem Zeitpunkt das Heroin nicht im Griff. Die Schliessung des Platzspitz ein paar Jahre zuvor war ein Debakel. Doch Zürich hat aus den Fehlern gelernt. Statt einer unerbittlichen Repression wurde nun auf eine liberale Drogenpolitik gesetzt. Junkies wurden nicht mehr als böse und kriminell, sondern als pflegebedürftig und krank eingestuft. Die Schliessung des Lettens ging einher mit der Einführung geregelter Heroin- und Methadonabgabestellen. Es sollte der Beginn einer Erfolgsgeschichte werden und die Stadt wie auch das Quartier Wipkingen konnten endlich aufatmen.

Timeline
1982: Im Zentrum von Zürich bilden sich erste, unbeständige Gassenszenen, die immer wieder vertrieben werden.
1985: Die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich nimmt ihre Arbeit auf.
1986: Die Vertreibungsstrategie wird aufgegeben. Die Drogenszene verlagert sich auf den Platzspitz und wird weitgehend toleriert.
1987: Das Sozialdepartement eröffnet «Fixerstübli» (kontrollierte Drogenabgabe).
1989: Die Stadt Zürich stellt versuchsweise weitere Hilfsangebote zur Verfügung wie Kontakt- und Anlaufstellen, Notschlafstellen, Krankenzimmer für Obdachlose etc.
1992: Der Platzspitz wird geschlossen.
1993: Es bildet sich eine neue offene Drogenszene am stillgelegten Bahnhof Letten.
1995: Die offene Drogenszene am Letten wird geschlossen.
(Quelle: «25 Jahre Drogenhilfe» – Sonderausgabe des SD-Magazins des Sozialdepartements)

Zeitreise Wipkingen

Der «Wipkinger» nimmt in der vierteiligen Serie «Zeitreise Wipkingen» der Wandel und die Geschichte des Quartiers unter die Lupe. Wipkingen ist eines der geschichtsträchtigsten Quartiere der Stadt Zürich und hat in den letzten Jahren einen enormen Wandel durchlebt. Die Serie ist in vier Themenblöcke aufgeteilt.
Im ersten Teil wird die Drogenszene des Lettens und deren Schliessung vor genau 25 Jahren noch einmal aufgerollt. Danach widmen sich zwei Themenblöcke der Veränderung des Quartierbildes. Dabei steht unter anderem die Geschichte der Rosengartenstrasse von einer Dorfstrasse zu einer der Hauptverkehrsschneisen der Schweiz im Blickpunkt.
Der letzte Teil der Serie wird sich dann mit der gesellschaftlichen Quartiersentwicklung auseinandersetzen und aufzeigen, wie aus einem ehemaligen Arbeiterquartier das Trendquartier an der Limmat geworden ist und wie sich die massive Aufwertung auf die Mietpreise, die gesellschaftliche Zusammensetzung und das Leben hier in Wipkingen ausgewirkt hat.

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