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Quartierleben

Zürich mal anders

25. September 2019 von

Dem Quartier Wipkingen und seinen Bewohner*innen auf der Spur.
Foto: Lara Hafner

Dem Quartier Wipkingen und seinen Bewohner*innen auf der Spur.

Foto: Lara Hafner

«Im Boxring für die Würde der Menschheit»

Foto: Lara Hafner

Ein politischer Aspekt der Ausstellung – Installation Christoph Blocher.

Von

Online seit
25. September 2019

Printausgabe vom
26. September 2019
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Erstmalig fanden dieses Jahr die interkulturellen Wochen «About Us!», organisiert im Auftrag der Stadt Zürich, statt. Vom 6. bis 21. September konnten diverse Veranstaltungen besucht werden. Einige davon in Wipkingen.

Wer schon lange an einem Ort lebt, kennt häufig doch nur wenige Facetten davon. Man betrachtet das Dorf oder die Stadt einzig aus der eigenen Perspektive und bleibt in der bereits erkundeten Komfortzone. Doch es ist immer wieder interessant zu sehen, wie vielfältig der eigene Wohnort, die eigene Heimat wirklich ist. Dafür eignete sich die Premiere der interkulturellen Programmwochen, initiiert von der Stadt Zürich. Während zwei Wochen im September wurde die Stadt unter dem Leitmotiv «About Us! Wir sind Zürich» aus diversen Perspektiven vorgestellt und präsentiert. Dabei wurden verschiedene Kulturen, aber auch einzelne Persönlichkeiten oder Teile eines Quartiers in den Fokus gerückt und Veranstaltungen luden dazu ein, das eigene Zuhause neu zu entdecken.

Eine Pop-Up-Galerie öffnete zu diesem Anlass in Wipkingen ihre Türen. Sie wurde von den Vereinen «Matica Bosnien und Herzegowina» und «TransAlpin-Art» ins Leben gerufen und mit Kunstwerken bestückt. Die Ausstellung «Wir hier! – Mi ovdje! – We here! – Nous ici! – Noi qui! – Mir daa!» thematisierte mit ihren Ausstellungsobjekten und Installationen das Thema der Trennung des ehemaligen Jugoslawiens. Die Vereine wollten durch ihre temporäre Zusammenarbeit Künstler*innen mit verschiedenen Hintergründen und Bezügen zum Ausstellungsthema zusammenbringen und so die Vielfalt der Stadt Zürich aufzeigen.

Eine Ausstellung, die anregt

Die Galerie an der Landenbergstrasse wurde äusserst vielfältig bestückt. Man wandte sich von einem Gemälde, welches den Zerfall von Belgrad darstellt, zu Bogenbrücken, welche die Ausstellungsobjekte sinnbildlich thematisch miteinander verbanden und dann weiter zu den Hauptsymbolen der Religionen, geformt aus Kleiderbügeln. In einer Ecke fand sich eine Installation aus Holz, darauf der Spruch «Liebi Manne und liebi Fraue». Diese Anrede von Christoph Blocher wurde, auf Klatschbefehl hin, von Kuhglocken und Muhen untermalt. Vis-à-vis davon ein Boxring. «Im Boxring für die Würde aller Menschen», so der Titel dieser Installation, in der ein Video der Rede «Listen to the children» lief. In dieser vertrat die junge Kanadierin, Severn Suzuki, ähnliche Standpunkte wie heute Greta Thunberg. Eine Bilderreihe an der hinteren Wand erzählte vom Krieg in Sarajewo, wie man ihn auf dem Bildschirm des eigenen Laptops mitverfolgen kann. Sie trägt auch tatsächlich den passenden Titel «Ich war nie in Sarajewo», so wie der Künstler es, bis nach Fertigstellung dieser Werke, tatsächlich niemals war. Nicht nur mit Kunst sollte die Ausstellung zum Austausch der Kulturen anregen, auch mit Veranstaltungen wie einer Lesung, Musikabenden und im Gespräch mit integrierten Jugendlichen aus Bosnien.

Auf den Spuren der Wipkinger

Eine Ausstellung der anderen Art erfuhr man während dem Audiowalk durch Wipkingen «Draussen vor dem Fenster». Diese Idee wurde von Simone Brander, Jelena Moser und Franca Manz entwickelt und durchgeführt. Die Teilnahme war unkompliziert, mit Handy und Kopfhörer bestückt, brauchte man sich nur zum Bahnhofreisebüro Wipkingen aufzumachen, wo man einen Plan mit der Spaziergangs-Route erhielt. Dieser sollte man folgen und bei bestimmten, rotmarkierten Adressen einen Stopp einlegen, um den Audioteil zu geniessen. Sah man also so hoch zu den Fenstern des Hauses, vor dem man angewiesen worden war anzuhalten, spielte in den eigenen Ohren das Lieblingslied des oder der Bewohner*in. Darauf folgte eine Frage oder eine Aufgabe, die es auf dem nächsten Abschnitt des Spazierganges zu beachten galt. So führte der Weg durchs Quartier, und der eigenen Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Welchen Beruf hat die Person hinter dem Fenster? Hinter welchem davon könnte meine Grossmutter leben? Wer sind all diese Menschen in Wipkingen? Obwohl die Fragen unbeantwortet blieben, hatte man sich trotzdem bereits das eine oder andere Bild gemacht, sich einige der Fragen unbewusst bereits selbst beantwortet und war den Bewohnern im Quartier ein kleines Stück näher gekommen. Ganz wie beabsichtigt.

Frohe Nachrichten für alle, welche die interkulturellen Wochen dieses Jahr verpasst haben: Für den September 2021 sind bereits wieder zwei Wochen geplant.

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